Russische Weltgerichte (um 1750 und um 1830)

Das Museum Russischer Ikonen im US-amerikanischen Clinton (Inventarnummer R2007.15) kaufte dieses Werk im Juli 2007 vom internationalen Auktionshaus Christie’s an. Fachleute datieren diese ungewöhnliche aus Russland in die Mitte des 18. Jahrhunderts. Wichtige Informationen, wie Provenienz, Künstler, einstige Besitzer u.a. sind längst verloren gegangen, vermutlich für immer.

Die Gesamtgröße der Tempera- und Goldmalerei beträgt 42 x 39 Zentimeter, wobei das Himmlische Jerusalem lediglich die obere linke Ecke ausfüllt und nicht mehr als 12 x 11 Zentimeter ausmacht. Unter vier verschieden großen Arkadenbögen haben sich nicht weniger als zwölf weißgekleidete Heilige zusammengefunden. Von den Arkaden sind die Träger, vermutlich Pfeiler oder Säulen, nicht zu sehen, da der Hintergrund komplett schwarz ausgefüllt ist, wie in einer Höhle oder Nische. Dadurch heben sich die weißen Figuren, vermutlich die zwölf Jünger oder die zwölf Apostel, besonders gut hervor. Die Architektur darüber ist an alte russisch-orthodoxe Kirchen bzw. Kapellen angelehnt, etwa die Christus-Erlöser-Kathedrale in Moskau oder die Sophienkathedrale im Nowgoroder Kreml. Man sieht eine rote Frontseite mit Fenstern und angedeuteten Verzierungen, darüber fünf Zwiebeltürme. Eine solche Darstellungsweise ist ungewöhnlich, neu und bis zu diesem Zeitpunkt von keiner anderen Weltgerichtsikone bekannt. Wie es bei Weltgerichtsikonen seit dem 17. Jahrhundert Tradition ist, steht dieses Himmlische Jerusalem auf einem grünlichen Band von Wolken. Mit solchen Wolkenbänder sind hier auch andere Szenen unterlegt und teilen die Ikone in klar abgegrenzte Bildfelder ein.

 

Aus den 1830er Jahren hat sich eine Kopie dieser Ikone auf Temperabasis erhalten. Für Zweitfassungen typisch lässt sich eine gewisse Übertreibung oder Ausschmückung feststellen, nicht nur beim Himmlischen Jerusalem. So wurde hier die Dachlandschaft um einige Türmchen ergänzt, die Zahl der Bewohner – ursprünglich zwölf – erheblich erweitert. Nach links wurde die Stadt um einen eigenständigen Turm erweitert, der mit einer separaten Arkade ausgestattet ist, in welcher nochmals einige Gerettete stehen. Zudem ist es zu beobachten, dass Kopien oftmals vergrößert wurden; auch hier ist das der Fall, die Maße betragen 54 x 44 Zentimeter. Wie das Original hat auch die Kopie Russland verlassen müssen und wurde in Italien zur Versteigerung angeboten.

Claus Bernet: Ikonen des Weltgerichts, Norderstedt 2015 (Meisterwerke des Himmlischen Jerusalem, 37).

 

tags: Weltgericht, Russland, Museum Russischer Ikonen Clinton, USA, Auktion, Christie's, Tempera, Apostel
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