Diese russische Arbeit aus einer orthodoxen Kirche oder einem orthodoxen Kloster entstand um das Jahr 1620. Die Gesamtgröße beträgt 151 x 123 Zentimeter; es ist eine Malerei aus Tempera und Goldapplikationen auf Lindenholz. Die dunkle Tönung, die auch das Gold rotbräunlich verfärbt, ist eine Folge des Firnis. Diese Ikone ist noch nicht auf den westlichen Kunstmarkt gewandert, sondern befindet sich nach wie vor im Besitz der Staatlichen Kunsthalle Perm, einer Millionenstadt im Uralvorland. Ich würde gerne mehr über den Entstehungshintergrund, den oder die Künstler oder anderes berichten, doch selbst die Fachleute des Museums wissen dazu laut schriftlicher Auskunft nichts Weiteres. Allein durch naturwissenschaftliche Untersuchung wäre es heute möglich, die Arbeit einer bestimmten Werkstatt oder Region zuzuweisen, doch solches ist nicht finanzierbar. Immerhin gelang es dem Museum, die Entstehungszeit aus dem 17. Jahrhundert auf ca. 1620 einzugrenzen.

Durch ein dunkles, blauschwarzes Wolkenband ist die Stadt Jerusalem klar von der übrigen Ikone abgegrenzt und befindet sich in der oberen, linken Ecke (Ausschnitt 80 x 50 Zentimeter). Solches ist typisch für russische Ikonen aus dem 17. Jahrhundert. Sie ist angefüllt mit ungewöhnlich vielen Arkaden, etwa einem Dutzend, so dass man schon von einer Arkadenlandschaft sprechen kann. Manche sind braun, andere rot oder golden, doch alle sind mit einem spitzen Dreiecksgiebel bekrönt. In ihnen sind stets drei Heilige vereint, um an Tischen gemeinsam das ewige Abendmahl zu feiern. Unten ist etwas mehr rotes Mauerwerk zu sehen, vor allem um den zentralen Eingang. In diesem nimmt ein Engel gerettete Seelen im Empfang, die von weiteren Engeln auf einem langen Band an der linken Seite der Ikone wie in einem Fahrstuhl direkt aus dem alttestamentarischen Paradies unten in das neutestamentarische Himmlische Jerusalem nach oben gebracht werden (Typus Fahrstuhlikone).
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Es existiert eine Zweitfassung dieser Ikone aus Perm in Tempera. 2013 befand sie sich noch in einer Moskauer Privatsammlung, 2019 wurde sie international versteigert. Fachleute, die beide Stücke im Original begutachteten, kamen zu dem Schluss, dass diese Ikone etwa zehn Jahre nach der obigen, älteren Fassung hergestellt worden ist, aber aus der gleichen Werkstatt stammt. Das Neue Jerusalem ist etwas vereinfacht dargestellt, mittels einer gelbgoldenen ersten Himmelspforte, einem blauen Bauwerk (das nach oben über den Rand der Ikone greift), einem roten Bauwerk und einer zweiten, kleineren Pforte. Die Farben muss man sich kräftiger vorstellen, da dieses Kunstwerk nicht restauriert wurde. Auch hier befinden sich Heilige in den Bauten, an der Zahl jedoch reduziert, was auch dem verkleinerten Maß von 71 x 62 Zentimeter geschuldet ist.
Claus Bernet: Ikonen des Weltgerichts, Norderstedt 2015 (Meisterwerke des Himmlischen Jerusalem, 37).



