Russisches Weltgerichte aus den Museen Nowgorod und Nowosibirsk (Mitte 16. Jh.)

Für die Entwicklung des Neuen Jerusalem auf Ikonen ist diejenige aus der St.-Boris-und-Gleb-Kirche (um 1550) zentral, denn von hier aus bildeten sich zwei Entwicklungslinien von Ikonen weiter aus: Einerseits diejenigen Ikonen, die das Neue Jerusalem mittels Arkaden darstellten, andererseits diejenigen, die es mit Türmen und Häusern ausstatteten. Diese Türme und Häuser konnten mitunter zu einer ansehnlichen Stadt anwachsen. Diese Einteilung ist natürlich kein „Gesetz“: Es gab und gibt immer auch Fälle eines Arkadenjerusalem, wo der ein oder andere Turm eingesetzt wurde, wie es auch Fälle von Turmjerusalems gibt, wo vielleicht doch auch eine Arkade zu finden ist – die Einteilung ist lediglich eine grobe Orientierung, um der Masse der Ikonen etwas zu systematisieren und besser zu verstehen.

Die Ikone aus der russisch-orthodoxen St.-Boris-und-Gleb-Kirche in Nowgorod basiert auf Temperafarben und hat eine Gesamtgröße von 136 x 115 Zentimetern. Heute wird das Kunstwerk im Staatlichen Museum von Nowgorod aufbewahrt und ist dort Teil der Dauerausstellung.
Das Himmlische Jerusalem ist ein relativ kleiner Ausschnitt des Ikonenbildes von 45 x 25 Zentimetern an der oberen linken Ecke. Es besteht aus einer vielgliedrigen Stadtlandschaft, angelehnt an russische Bauten des 16. Jahrhunderts. Im unteren Bereich findet man in unterschiedlichen Farben mehrere Bögen, die auch Tore der Stadt sein könnten. In diesen befinden sich, nach Gruppen geordnet, verschiedene Heilige der Kirchengeschichte. Darüber sind die eigentlichen Bauten der Stadt gesetzt, sie ziehen sich in Reihen von links nach rechts. Im mittleren Bereich sind diese Bauten weiß und haben grüne oder rote Dächer. Rechts ist hier auch die St.-Boris-und-Gleb-Kirche im Zustand des 16. Jahrhunderts eingesetzt. Es ist ein frühes und sehr seltenes Beispiel, dass auf einer Ikone dem Himmlischen Jerusalem ein historisches Bauwerk eingefügt wurde, was sicher der Identifikation und Hoffnung der Gläubigen förderlich war. Im Kirchenbau sollte bereits etwas vom Himmlischen Jerusalem erlebbar sein. An beiden Seiten befinden sich größere turmartige Bauten, die die Stadt, die ohne Mauern ist, abschließen und rahmen. Sie haben eine graue Färbung, links besteht das Dach aus drei spitzen Zacken, rechts aus einem roten Baldachin.

 

Eine Variante dieser Ikone besitzt das Staatliche Kunstmuseum Nowosibirsk (Inventarnummer I-15). Hier kennen wir ausnahmsweise den ersten Besitzer und vermutlich Auftraggeber: Eine eingravierte Inschrift am unteren Rand der Ikone mit dem (übersetzten) Text „Diese heilige Ikone des Philipp Kolychev, Ältesten des Solowezki-Klosters“ belegt, dass sie dem Heiligen Philipp (1507-1569) gehörte, dem russisch-orthodoxen Mönch und Moskauer Metropoliten unter Iwan dem Schrecklichen. Fachleute des Museums vermuten, dass diese Ikone 1566 entstanden ist, anlässlich der Ernennung des Mönchs zum Oberhaupt der russisch-orthodoxen Kirche. Philipp hatte nicht die Zustimmung des Ökumenischen Patriarchen von Konstantinopel und befand sich auch in Konflikt mit dem Zaren – er hatte ein besonderes Interesse, seine Herrschaft zu legitimieren, offensichtlich auch durch Kunst. Das Himmlische Jerusalem links oben zeichnet sich durch eine ganze Turmlandschaft aus, ein Dutzend Türme und Türmchen kann man in Form und Farbe unterscheiden. Der russischgrüne Torturm links und der viereckige Turm mit einem Flachdach rechts (ehemals der Baldachin) rahmen die Stadt, die ohne Mauern auskommt. Ihre Stadtmauern sind vielmehr die weißgekleideten Heiligen, die eine schützende Riege bilden. Sie ist nur an der Stelle des Tores links unterbrochen, wo Engel von unten wie in einem Fahrstuhl gerettete Seelen in die Stadt transportieren.

Vladimir Codikovič: Semantika ikonografii Strašnogo Suda v russkom iskusstve 15.-16. vekov, Ul’janovsk 1995.
Ewgenia Petrowa: Nowgorod. Das goldene Zeitalter der Ikonen, München 2005.
Claus Bernet: Die Frühe Neuzeit. Eine Hoch-Zeit der Jerusalemskultur, Norderstedt 2016 (Meisterwerke des Himmlischen Jerusalem, 5,2).

 

tags: Russland, Staatliches Museum Nowgorod, Tempera
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