Der belgische Keramikkünstler Max (vollst. Maximilian) van der Linden (1922-1999) hat das Sujet Himmlisches Jerusalem mehrfach in seinem umfangreichen Schaffen aufgegriffen. Das erste Mal vermutlich 1965 bei einem Werk aus glasiertem Ton in der Krypta von St. Jan in Beauraing (belgische Provinz Namur). Dort befindet sich ein Kreuzweg. Dessen zwölfte Station „Jezus sterft aan het kruis“ zeigt den verstorbenen Christus am Kreuz, dessen Seele von zwei Engeln in ein weiß-türkisfarbenes Himmlisches Jerusalem gebracht wird. Die Stadt schwebt in einer goldenen Gloriole, die von einem Zackenkranz umrundet ist, aus der immer wieder einzelne Zacken herausragen.
Ein weiteres, wesentlich jüngeres Himmlisches Jerusalem schwebt auf Wolken direkt über einem Turm zu Babel, und daher lautet der Titel dieses Werkes „La tour de Babel“ (230 x 80 Zentimeter). Von der Arbeit existieren mehrere Kopien, eine davon ist im Centre public d’action sociale in Wavre, einer Stadt östlich vor Brüssel, öffentlich ausgestellt, damals als Stiftung des medizinischen Labors M.A.B. der Stadt Mons. Eine weitere befindet sich auf einem Bauernhof d’Agbiermont in Nodebais (Beauvechain, Provinz Wallonisch-Brabant in Belgien) und eine dritte steht in der Grabkapelle von Clothilde Coppée in Ochamps (Provinz Luxemburg, Belgien). Sie alle sind um 1980 entstanden. Die Fassung aus Wavre gilt als der früheste „Prototyp“, hier fehlen noch die Hochhäuser, die van der Linden später den Wolken aufgesetzt hat, wie auch das zweite Wolkenband mit der Sonne und den Sternen.

Zu sehen sind auf der Fassung von Wavre bereits die sich nach oben verjüngende Kirchtürme wie auch Moscheen mit goldenen Kuppeln, dazwischen immer wieder Grün für Pflanzen und Bäume. Die gesamte Architektur ist als glasiertes Relief in Ton herausgearbeitet, Max van der Linden zeigt eine Fülle von Türen, Fenstern, Ornamenten und andere Architekturdetails, allerdings im Jerusalem keine lebendigen Figuren wie Gerettete oder Engel. Von der oberen göttlichen Stadt ist der untere Bereich durch einen horizontalen Wolkenfries geteilt. Im unteren Bereich schiebt sich der babylonische Turm gewunden und sich verjüngend nach oben. Zahlreiche Menschen bewegen sich auf dem Turm nach oben in Richtung der Himmelstadt, Menschen aus unterschiedlichen Jahrhunderten, auch biblische Gestalten, Frauen, Soldaten, ein Rollstuhlfahrer und ein Nackter. Ganz oben versucht ein weiterer Nackter mit einer Kordel durch die Wolken in die rettende Stadt zu gelangen – eine Anspielung auf eine Szene aus dem Roman „Pélerinage de la vie humaine“ des Guillaume de Digullevilles.

Max van der Linden: Céramiques, (Bruxelles) 1969.
Max van der Linden, Alleur (1991).
Claus Bernet: Gemacht für die Ewigkeit. Steinwerke des Himmlischen Jerusalem, Norderstedt 2013 (Meisterwerke des Himmlischen Jerusalem, 8).



