Beim einem Umbau der Kapelle Notre-Dame des Flots in dem Badeort Lacanau Océan (Region Nouvelle-Aquitaine) wurden im Jahr 1991 mobile Glaswände von Raymond Mirande (1932-1997) vor die eigentlichen Altarwände gestellt. Diese Altarwände sind weiß und ohne Dekor, ebenso sind die Fenster der Kirche ohne figürlichen Schmuck. Anders die acht Bahnen der Glaswände, deren leuchtende Farben von der gesamten Gemeinde aus gut gesehen werden können.

Nötig wurde der Einbau auch aus akustischen Gründen. Es sind überwiegend abstrakte Arbeiten aus antikem Glas und Blei, die von der Form und den typischen Farben der 1970er Jahre, Braun und Orange, leben. Hergestellt wurden sie in der Glashütte von Dupuy-Fournier (Jacques Dupuy et Bernard Fournier aus Bordeaux, mit denen Mirande regelmäßig zusammenarbeitete), ermöglicht durch eine Spende des Ehepaars Claude und Catherine Motte.

Die Bahnen der linken Seite (von der Gemeinde aus gesehen) zeigen die Sintflut und die Arche Noah – dieser Themenbereich wurde damals von der Gemeinde ausdrücklich gewünscht, da hier ein Bezug zum nahe gelegenen Atlantik gesehen wurde. Ebenso ist das dunkle Blau aller Arbeiten Mirandes in dieser Kirche eine Hommage an den Atlantik. Eine weitere Hinzufügung des Künstlers ist eine Meerjungfrau, die hier um Hilfe ruft. Das Innere der Arche wird übrigens von Lichtbändern beleuchtet, die ihren Ursprung vom Himmlischen Jerusalem aus nehmen (nach alternativer Interpretation soll es sich um weiße Reben eines Weinstocks handeln, die von der Arche aus nach Jerusalem führen).

Die andere der beiden Stellwände mit fünf Bahnen mit einer Größe von 250 x 540 Zentimetern befindet sich auf der rechten Seite (von der Gemeinde aus gesehen). Sie hat an ihrer rechten Außenseite das Himmlische Jerusalem zum Thema. Breite Bleifassungen zeigen Umrisse von Häusern, durchzogen von weißen Bahnen, ähnlich wie eine Arbeit von Buja Bingemer für Reichshof-Feld etwa zehn Jahre zuvor.

Jocelyne Denière, Lysiane Denière: Notre-Dame du Sacré-Coeur, Malo-les-Bains, Notre-Dame des Flots, Dunkerque 2004.
Véronique Menault-Mirande: Raymond Mirande. Les émaux. Catalogue raisonné, Paris 2006.
Claus Bernet: Kirchenfenster und Glasarbeiten, Teil 3, Norderstedt 2015 (Meisterwerke des Himmlischen Jerusalem, 26).
Kirchenfenster und Emaille-Bild von Notre-Dame des Flots in Lacanau Océan, Bordeaux, um 2025.
Zum Künstler:
Raymond Mirande wurde am 9. Dezember 1932 in Bordeaux als Sohn eines Metallurgen-Vorarbeiters und einer Verkäuferin geboren. Vor dem Zweiten Weltkrieg zog die Familie mehrmals in Bordeaux um, dann lebte sie in Talence. Gegen Ende des Krieges zogen die Eltern, die Händler geworden waren, zurück in den Kapuziner-Bezirk von Bordeaux, wo Raymond sein Sekundarstudium am Lycée Montaigne abschloss. In den 1950er Jahren begann Mirande Gedichte zu schreiben, die er in Sammelbänden veröffentlichte. Er entdeckte und begegnete schließlich dem französischsprachigen italienischen Philosophen Lanza del Vasto (1901-1981), den Apostel der Gewaltlosigkeit, der ihn nachhaltig prägen sollte. In persönlichem Kontakt stand er auch mit damals bekannteren Intellektuellen wie Jean Cayrol (1910-2005) oder François Mauriac (1885-1970).
1954 begann Mirande an der Universität Romanistik zu studieren. Gleichzeitig brachte er sich autodidaktisch verschiedene Kunsttechniken bei, zunächst vor allem Emaille-Malerei, die er zeitlebens praktizierte. Seine wiederkehrenden Themen waren christliche Symbole und Tierdarstellungen. Er arbeitete zunächst mit seinen Eltern in einer Werkstatt in Andernos, bis er Ende der 1950er Jahre mit seinen Eltern nach Gradignan zog, einem Vorort von Bordeaux. Dort richtete er seine neue Werkstatt ein. Mirande hatte seine ersten Ausstellungen in Bordeaux und stellte regelmäßig in den Provinzen, in Paris und im Ausland aus. 1960 heiratete er Nicole Baly, mit der er zwei Kinder hatte: Véronique (geb. 1962) und Christophe (geb. 1967).
Mirande schrieb von 1961 bis 1979 für die Zeitung „La Vie de Bordeaux“, vor allem Kunstkritiken. 1964 begann er mit dem Zeichnen von Buntglasfenstern, die er zeitlebens für religiöse, aber auch nichtreligiöse Bauten (Rathäuser, Bibliotheken, Banken, Schlösser, Altenheime, Krankenhäuser) ausführte. Er wurde dabei regelmäßig von seinem Bruder Marcel Mirande unterstützt, einem Architekten. 1988 wurde Mirande zum Mitglied der Nationalakademie, Sektion Belles-Lettres et Arts de Bordeaux, gewählt, einer Institution, der er ab 1994 bis zu seinem Tod vorstand. Raymond Mirande starb am 10. Oktober 1997 im Alter von 64 Jahren an einem Herzinfarkt in Gradignan. Seit Juni 2006 gibt es dort eine nach ihm benannte Straße.



