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Ernst Maria Fischer (1907-1939): Zeichnung „Die himmlische Stadt“ (um 1935)

„Die himmlische Stadt“ ist der Titel eine Radierung aus einem Apokalypsezyklus von Ernst Maria Fischer (1907-1939). Von insgesamt elf Werken ist es das Bild Nummer zehn (hier in der Fassung des Museums Pfalzgalerie Kaiserslautern, Inventarnummer Lsk 74/3). Im unteren Teil ist die vergehende Welt als Ruinenlandschaft dargestellt – als hätte Fischer, der dieses Bild um 1935 schuf, mit seherischer Fähigkeit den Luftangriff auf Guernica oder den Zweiten Weltkrieg und die vernichtende Kraft der Bombenangriffe vorhergesehen. Über der grauen Ruinenlandschaft wacht oben ein riesiges Auge Gottes. In diesem Auge sind halbkreisförmig Bauten der Gottesstadt angeordnet. In der Mitte befindet sich ein Kirchenbau, der dem Petersdom in Rom ähnelt. Ein Komet (von rechts kommend) zieht sich durch das Auge, und sein Stern ist genau an der Stelle positioniert, an der sich gleichzeitig die Pupille des Auges und das Kuppelkreuz des Kirchenbaus befinden. Menschen oder Engel sind weder in der unteren Ruinenlandschaft noch in der oberen Gottesstadt zu sehen; das auf Betrachter traurig wirkende Auge ist das einzige Lebenszeichen.

Der aus München stammende Künstler ist als Radierer, Landschaftsmaler und Porträtmaler hervorgetreten. Er ist heute kaum bekannt, allein im oberbayerischen Brannenburg, wo der Künstler viele Jahre lebte, wurde der Ernst-Maria-Fischer-Weg 2011 nach ihm benannt.
Fischer wuchs in einem streng katholische Umfeld auf, studierte ab 1928 in seiner Heimatstadt Malerei und konnte schon ein Jahr darauf, durch Unterstützung seiner wohlhabenden Eltern, ein eigenes Atelier eröffnen. Dieses musste er nach 1933 schließen, da er wegen der jüdischen Herkunft seiner Mutter seinen Beruf nicht mehr ausüben durfte und die Reichskulturkammer ihm jede künstlerische Tätigkeit untersagte. Bereits 1939 wurde er zum Krieg gegen Frankreich einberufen. Fischer wurde an der Westfront tödlich verwundet und verstarb in einem Feldlazarett in Landstuhl (Pfalz) am 27. November 1939.

Karl Kreitmair: Ernst Maria Fischer und seine Apokalypse, in: Pädagogische Welt, 11, 1957, S. 244-250.
Karl Kreitmair: Ernst Maria Fischer. Leben und Werk eines Frühvollendeten, München 1964.
Bernhard Stalla: Er malte Visionen vom Untergang der Welt. Ernst Maria Fischer schuf einen Bilderzyklus zur Offenbarung des Johannes, in: Literatur in Bayern, 75, 2004, S. 60.
Julia Suchoroschenko: Ernst Maria Fischer, in: Apocalypse Now! Visionen von Schrecken und Hoffnung in der Kunst vom Mittelalter bis heute, hrsg. vom Museum Pfalzgalerie Kaiserslautern, München 2014, S. 246-249.

 

tags: Radierung, Apokalypsezyklus, Ruine, Auge Gottes, Gottesauge, Petersdom, Antisemitismus
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