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Garnet Terry (um 1745-1817), Edward F. Burney (1760-1848): Hieroglyptical Print (1791)

„Hieroglyptical Prints“ waren Ratespiele, die mit ihrem Namen auf die lange Zeit unlesbaren ägyptischen Hieroglyphen anspielten. Wie diese sollte man zunächst den Inhalt eines Bildes nicht verstehen, sondern ihn sich langsam erschließen. Einmal ist in dieser Art und Weise auch das Himmlische Jerusalem dargestellt worden. Die Bildunterschrift des Einzelblattes lautet: „An Hieroglyphical Print of the Church of God in her Five-Fold State”, hergestellt von dem Grafiker, Maler und Drucker Edward Francis Burney (1760-1848). Die Zeichnung gehörte ursprünglich zu einer zweiten, die den Titel „Containing the Ground Plot of the Heavenly City“ trug und einen erklärenden Schlüssel zum Inhalt lieferte. Diese Zeichnung und ihr Schlüssel haben sich nicht erhalten, so dass die Deutung des Bildes in seinen letzten Einzelheiten verschlossen bleibt. An diesen Schaubildern arbeiteten übrigens der evangelikale Prediger William Huntington (1747-1813) und sein Zuarbeiter Garnet Terry (um 1745-1817), der als Grafiker und die inhaltliche Konzeption lieferte, mit. Huntington veröffentlichte 1791 „A key to the hieroglyphical print of the church of God, in her five fold state, including the holy Jerusalem“, das eine Grundlage zu dem Bildverständnis liefert.
Um die Stadt herum findet man zahlreiche Versuchungsszenen und Sündenorte. Die Zeichnung thematisiert hier als Zweiwegebild die Gefahren und Ablenkungen, die dem Menschen auf der Reise zum Himmlischen Jerusalem begegnen, wie beispielsweise die Naturreligion. Im Einzelnen sind die Szenen voller Humor, was dem Einfluss von Terry zugeschrieben wird, der auch als politischer Satiriker gearbeitet hat.
Das Himmlische Jerusalem erscheint über einem zweiten, mehr irdisch gehaltenen Jerusalem. Das erste, untere Jerusalem ist im Londoner Kunstwerk eine Art Vorhof zur eigentlichen Stadt, also eine Gegenkonzeption zum Fegefeuer. Wer dieses erste Jerusalem durchlaufen hat, gelangt durch ein mit einer Krone geschmücktes Tor in die Hauptstadt. Es finden sich viele traditionelle Elemente, wie die Wächterengel, die zwölf Tore, der quadratische Umriss, aber auch neue fantasiereiche Beigaben. Neben der erwähnten Krone sind dies ein siebenarmiger Leuchter in der Stadtmitte, Springbrunnen an den Straßenkreuzungen oder die zwei Bäume links und rechts hinter dem mittleren Eingang. Es ist die einzig bekannt neuzeitliche Darstellung, die den Lebensbaum und den Baum der Erkenntnis gemeinsam in der Gottesstadt zeigen, die sich auch in anderen Details, etwa den mäandernden Lebensfluss, an den mittelalterlichen Hortus Conclusus anlehnt.
Der Druck entstand 1791 zu einer Zeit, die voller endzeitlicher Hoffnungen und Befürchtungen war. Zudem war in ganz Europa eine starke Kirchenkritik vorherrschend. 1790 verabschiedete die Französische Nationalversammlung eine Zivilverfassung, welche dem Papst Rechte über die französische Kirche entzog. Geistliche wurden zu Staatsbeamten. Ein Jahr darauf kulminierte die Gewalt im Massaker auf dem Marsfeld. Für nicht wenige christliche Zeitgenossen war die Französische Revolution die Herrschaft Satans und Paris jetzt die Sündenstadt Babel.

 

tags: Hieroglyphe, Satire, Krone, Menora, Lebensbaum, Erkenntnisbaum, Frankreich, Kupferstich, Wimmelbild
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