1474, Tondal, fol. 33v, Meister Simon Marmion, Aalenciennes © J. Paul Getty Museum, Los Angeles

Simon Marmion (um 1425-1489): Visionsbuch des Mönchs Tondal (1474)

Bei den „Visionen des Ritters Tondal“ handelt es sich um ein Manuskript, das heute im Getty-Museum unter der Signatur MS 30 aufbewahrt wird. Es ist eine französische Fassung der „Visio Tnugdali“, die als einzige vollständig illustrierte Ausgabe gilt. Die „Vision“ war im 12. Jahrhundert von einem irischen Mönch Markus in einem Regensburger Kloster niedergeschrieben worden. Es wurde die beliebteste Visionsschrift des Mittelalters, die sogar ins Belorussische übersetzt wurde und Dante zu seiner Höllen- und Himmelsbeschreibung inspirierte.
Die zwanzig Miniaturen werden dem Meister Simon Marmion (um 1425-1489) zugeschrieben. Die Handschrift war im Besitz von Karl dem Kühnen (1433-1477) und Margarethe von York (1446-1503), die an den Miniaturen durch das Kürzel „C&M“ zu identifizieren sind. Der Text wurde von David Aubert aus Gent verfasst, während die Miniaturen in Valenciennes angefertigt wurden, wo Marmion seine Werkstatt hatte.
Die Seiten haben eine Größe von 36 x 28 cm, wobei die hier abgebildeten Miniaturen von fol. 33v, 38v und 42r im oberen Bereich zu finden sind. Das erste hier zu sehende Blatt „Die Mauer des Himmels“ zeigt von Außen das Neue Jerusalem, in dessen Mauern einige Personen eingeschlossen sind. Es handelt sich um eine Art Purgatorium. Der Engel erklärt Tondal, dass es sich hier um Personen handelt, die in ihrem Leben weder gut noch schlecht waren.

 

                             MS 30, fol. 38v

Auf dem Blatt „Die Märtyrer“ (fol. 38v) zeigt der Engel eine andere Außenseite, in der ebenfalls Menschen eingemauert sind. Diesmal ist die Mauer aus Gold und in Nischen befinden sich Märtyrer des Glaubens, die ja eigentlich im Stadtinneren sein müssten.

 

                        MS 30, fol. 42r

Auf dem letzten Blatt „Mauer aus Gold und Edelsteinen“ (fol. 42r) führt der Engel Tondal vor eine Mauer aus zwölf Edelsteinen, was auf der Zeichnung schlecht zum Ausdruck kommt. Tondal ist derart beeindruckt, dass er für alle Ewigkeit vor dieser Mauer stehen möchte. Damit ist angedeutet, dass die Schönheiten im Stadtinneren gar nicht gezeigt und auch nicht beschrieben werden können, sie sind jenseits des Vorstellbaren.

Gloria Ehret: Hölle und Himmel, in: Weltkunst, 60, 1990, S. 1896.
Thomas Kren, Roger Wieck: The Visions of Tondal from the Library of Margaret of York, Malibu 1990.
Thomas Kren (Hrsg.): Margaret of York, Simon Marmion, and The Visions of Tondal, Malibu 1992. 

 

tags: Simon Marmion, Getty Museum New York, Frankreich, Purgatorium, Statue, Märtyrer, Mauer, Spätgotik, Mittelalter
Share:
Share on facebook
Share on twitter
Share on google
Share on pinterest
Share on reddit
Share on email