Caritas-Jerusalem aus dem Codex Palatino (1413)

Im 15. Jahrhundert entstanden auf einmal auch in Italien mehrere Handschriften mit Illustrationen zur Civitas Dei des Augustinus, obwohl diese Schrift zu diesem Zeitpunkt bald eintausend Jahre alt war. Die vielleicht früheste erhaltene Illustration zum Himmlischen Jerusalem seitens Augustinus findet sich in der italienischen Ausgabe „La città di Dio“, die in der Biblioteca Nazionale Centrale di Firenze aufbewahrt wird (Codex Palatino 25, fol. 1r). Sie besticht durch einen goldenen Tempel, um den sich sieben rosafarbene Türmchen reihen. Auf den Mauerteilen dazwischen steht je ein Buchstabe, die zusammengezogen das Wort „Carita“ (also Caritas: christliche Liebe) ergeben. Auch in den offenen Toren findet man Beschriftung; hier ist jedes Tor mit einer Tugend in lateinischer Sprache versehen. Die Idee dahinter: durch das Ausüben eines tugendreichen Lebens kann man sich Zugang in das Neue Jerusalem verschaffen. Darunter befinden sich in blauen Farbtönen die kosmischen Sphären, die sich in konzentrischen Kreisen um die Stadt legen. In dieser finden sich nicht etwa weitere Bauten, sondern ein blühender Rosengarten um eine goldene Krone, die ebenso ein goldener Tempelbau sein könnte. Die Illustration ist nicht eindeutig und lässt viel Spielraum für Interpretation; bedauerlicherweise ist sie wenig bekannt. Sie muss von jemanden entworfen worden sein, der in Allegorie und Ikonographie ebenso geschult war wie in einer meisterhaften technischen Ausführung. Datiert ist diese Ikone des Quattrocento auf das Jahr 1413.

Justus Cobet: Babylon, Jerusalem, Athen, Rom. Vier Metropolen: Skizze eines europäischen Diskurses, in: Historische Zeitschrift, 293, 1, 2011, S. 1-38.
Claus Bernet, Michael Foerster-Espirel: Das Himmlische Jerusalem in der Renaissance, Norderstedt 2012 (Meisterwerke des Himmlischen Jerusalem, 5).

 

tags: Augustinus, Tempel, Civitas Dei, Rosen, Quattrocento
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