Proskynetaria aus Jerusalem (17. bis 19. Jh.)

Ein „Proskynetarion“ (gr. „Andachtsraum“) ist in der Ostkirche eine monumentale Ikone, die das historische Jerusalem zeigt, in Verbindung mit Szenen aus dem Leben und der Passion Christi. Die meisten dieser Arbeiten wurden auch im historischen Jerusalem hergestellt und an christliche Pilger aus Russland, Polen und andere slawische Länder verkauft. Man nimmt an, dass Proskynetaria in Jerusalemer Werkstätten von den dortigen Ikonenmalern das ganze Jahr über und zumeist in Serie hergestellt wurden, um sie zur Osterzeit an Pilger zu verkaufen.
Es wurde hier erstmals versucht, die Proskynetaria diesen Serien zuzuordnen und sie in eine chronologische Reihenfolge zu bringen. Von jeder dieser Serien wird hier lediglich ein Exemplar vorgestellt, nämlich das älteste, welches sich erhalten hat. Nachfolgende Kopien oder Neufassungen wurden hier nicht verzeichnet – die Zahl der Proskynetaria ist also größer als die hier versammelten Exemplare, die beträgt schätzungsweise um die 120 Werke.
Die Inschriften in verschiedenen Sprachen zielen auf die unterschiedlichen Nationen der Käufer ab. Die Pilger nahmen die Arbeiten als kostbare Souvenirs mit in ihre Heimat. Viele hingen dann in Privathäusern und gingen verloren, aber manche wurde Kirchen gestiftet und haben dann die Zeiten überdauert. Dort wurden sie im Narthex oder den Seitenschiffen der Kirchen und Klöster aufgehängt, wo sie die Gläubigen zu einem frommen Leben der christlichen Nachfolge anspornen sollten oder zu einer weiteren Pilgerreise anregten.

Ein solches Proskynetarion wurde 1950 dem Nationalmuseum Warschau vermacht, als Schenkung aus der Erbmasse von Ignacy Jan Paderewski (1860-1941), einem ehemaligen Ministerpräsidenten Polens, der sich auch für Musik und Malerei interessierte. Die Ikone ist um 1790 entstanden, basiert auf Temperafarben und hat die Gesamtgröße 99 x 195 Zentimeter. Sie gilt als das älteste erhaltene Proskynetarion weltweit.
Über der Darstellung des historischen Jerusalem ist hier, wie auch bei den folgenden Beispielen, eine Weltgerichtsszene zur Darstellung gebracht. Rechts öffnet ein Monster sein Maul, um Verdammte zu verschlingen. Ihm gegenüber ist eine Pforte des Himmlischen Jerusalem gesetzt, die Gerettete aufnimmt. Die unscheinbare Pforte wird gerade von Petrus aufgeschlossen. Rechts neben ihr, hinter den Geretteten, befinden sich weitere Pforten, von denen man goldenen Kuppeln der Stadt erkennen kann. Hinter der Pforte, wo eigentlich die heilige Stadt ansetzen müsste, sieht man hier vier Gräber, aus denen gerade Menschen auferstehen. Es sind ebensolche Gräber, wie sie schon auf westlichen Fresken des Mittelalters in ganz Europa zu finden sind, etwa in Hirschegg/Kärnten, Starogard Gdański/Polen oder in Selm-Cappenberg/Münsterland.

 

Wenig später, im Jahr 1794, soll diese Ikone entstanden sein. In vielen Details ist sie ähnlich wie die erste Arbeit gehalten. Aus mehreren Gründen existieren aber Zweifel an der Echtheit dieser Arbeit. Üblicherweise lassen sich auf den Originalen Spuren des Aufrollens, womit die Leinwand von Jerusalem nach (meist) Osteuropa transportiert wurde, finden – hier nicht. Für die Angabe, sie sei aus Sarajevo, gibt es keinen Beleg. Auch fehlen die sonst üblichen Alterungsspuren, wie Abblätterungen, Risse oder Firnis. Zuletzt taucht die Malerei „ex nihilo“ im 21. Jahrhundert in einer Kunstgalerie in Belgrad auf und wurde vom Serbischen Nationalmuseum in Belgrad aufgekauft. Schriftliche Belege, wo dieses Werk die zweihundert Jahre zuvor gewesen ist, fehlen. Das Neue Jerusalem – und nur um dieses geht es hier – weist im Vergleich zu den anderen frühen, aber auch späteren Proskynetaria erhebliche Unterschiede auf. Hier ist es nämlich nicht nur ein Tor mit etwas angrenzender Mauer, sondern eine polygonale Stadt, von der man vorne mehrere Wandsegmente sehen kann, mit mehreren unterschiedliche Türmen, Fenstern und einer Mauerkrone. Extrem viele Menschen drängen hier in die Stadt, nicht die übliche Schar, sondern Massen, die sogar von der Seite links der Pforte hinzukommen. Auch im Inneren ist es belebter als sonst: Patriarchen, Maria, Engel und Simon von Kyrene lassen sich entdecken.

 

Um 1795 ist diese Ikonenmalerei entstanden, die in Format (92 x 114 Zentimeter), Farbe sowie Anordnung der Bildmotive etwas anders angelegt ist als alle anderen hier versammelten Proskynetaria. Die Temperamalerei stammt aus der Sammlung von Joseph (Joe) Greenberg, einem australischen Grafiker, Schriftsteller, Karikaturist. Er hatte diese Arbeit in den 1970er Jahren in Großbritannien erworben. 2021 gelangte sie in das Museum of Old and New Art (Mona) nach Hobart (Australien). Vor der Pforte sind zwei Engel aktiv; einer verteidigt sich mit einer Lanze, der andere hebt einen Menschen schwungvoll in die Pforte. Demnach muss die Pforte offen sein, ihr blauer Hintergrund ist ungewöhnlich, sonst immer rot. Ihr wurde eine vergoldete Kuppel aufgesetzt, die mit den zwei Nimbi der Engel einen eigenartigen Dreiklang ergibt. Die angesprochene Menschenfigur ist nackt, mit geschlossenen Augen, zusammengefalteten Händen und hängenden Beinen wirkt sie leblos und schaff. Würde man den Kontext nicht kennen, läge nahe, hier an einen Erhängten zu denken.

 

Auch dieses Beispiel soll nach Ansicht von Experten noch am Ende des 19. Jahrhunderts um 1795 entstanden sein. Es befindet sich heute in der der Ayios Yeoryios (St. Georg) Methochion-Kirche in Istanbul (Yeniköy), einem historischen griechisch-orthodoxen Heiligtum. Als Metochion (Botschaft oder Niederlassung) des Jerusalemer Orthodoxen Patriarchats wird sie von Kunsthistorikern für ihre einzigartigen Pilgerikonen und ihre enge Verbindung zum Heiligen Land geschätzt. Dieses Exemplar der Größe 121 x 218 Zentimeter mit annähernd einhundert Bildfeldern ist eines der größten bekannten Proskynetaria. Es bedeckt die Westwand der südlichen Seitenwand der Kirche. Unter den Bildfeldern findet sich auch eines mit dem Weltgericht. Das Himmlische Jerusalem ist darauf links als polygonaler Turm eingefügt. Von den fünf Seiten sieht der Betrachtern vorne zwei. Es wird dabei nicht deutlich, ob es sich um zwei Platten mit Edelsteinen handelt, um zwei Pforten mit Stufen im unteren Bereich oder um eine Pforte mit einer Flügeltür.

 

Zu Beginn des 19. Jahrhunderts, um 1810, wurde in Jerusalem dieses Werk für einen Pilger der Familie Tafrili in Arbanasi (Bulgarien) hergestellt. Später gelangte es in den Empfangsraum des Konstantsalieva-Hauses, einer Patrizierresidenz aus dem 17. Jahrhundert, die mit Möbeln aus dieser Zeit ausgestattet ist und heute zu einer Touristenattraktion umgebaut wurde. Die Stadt Jerusalem scheint aus einer Anzahl grauer Türme mit einem Kuppeldach zu bestehen, die versetzt aneinandergereiht stehen. Der vorderste untere Turm ist durch die rote Zugangspforte besonders hervorgehoben, die gerade von Paulus im blauen Gewand und gelbem Schal aufgeschossen wird. Die Darstellung der Stadt ist individuell und findet sich so auf keinem zweiten Proskynetarion.

 

Eine weiteres, weniger gut erhaltenes Proskynetarion befindet sich heute in der syrisch-orthodoxen Kirche der Jungfrau Maria in Diyarbakir. Die Kirche ist laut lokaler Tradition eine der ältesten Kirchen überhaupt und soll aus dem 2. Jahrhundert stammen – man pflegte einen intensiven Kontakt zu Jerusalem, von dort sollen frühzeitig Missionare nach Diyarbakir gekommen sein. Experten vor Ort vermuten, dass dieses Proskynetarion aus der gleichen Jerusalemer Produktionsstätte stammt wie das Beispiel zuvor. Leider sind weder der Betrieb noch seine Mitarbeiter namentlich bekannt, doch nur ein Betrieb hatte vom Patriarchen das Privileg erteilt bekommen, diese Kunstwerke anzufertigen. Von dort wurde das Proskynetarion um 1840 von Armeniern nach Diyarbakir gebracht, wo es als Reliquie verehrt wurde obwohl es sich genaugenommen weder um eine „echte“ noch um eine Berührungsreliquie handelt.

 

Stilistisch und dem Aufbau nach gehört diese Ikone, obwohl auf 1815 datiert, noch zu den Werken, die ihren Ursprung im 18. Jahrhundert haben. Dominiert bei den späteren Werke einen grün-gelben Grundton, so ist es hier ein Rot und Blau. Diese Temperamalerei auf Leinwand der Größe 117 x 172 Zentimeter, am unteren Rand nicht nur datiert, sondern ausnahmsweise einmal signiert, so dass wir wissen, dass ein Meister Anani aus Jerusalem dieses Arbeit angefertigt hat. Bei der Darstellung des Neuen Jerusalem bewies Anani durchaus Einfallsreichtum: Es handelt sich um eine blockartige Anlage. An den Seiten schrauben sich zwei Türme nach oben. Dazwischen sitzt Gottvater auf einem Thron, der in sich wieder die Struktur der Stadt kopiert. Unten sind links eine filigran ziselierte Pforte zu entdecken, mit goldenem Grund, rechts blockartiges Mauerwerk. Der größte Teil wird von Figuren verdeckt, von links nach rechts Petrus, fünf Heilige und der Erzengel Michael.

 

Einige Jahre später, um 1825, ist ein 0,92 x 1,53 Meter großes Proskynetarion mit 86 Szenen und 261 Figuren entstanden. Es enthält Bezüge zur Heiligen Schrift, zum Alten Testament, zu den Evangelien, den Apostelbriefen und der Offenbarung des Johannes. Diese Ikone wurde von Flüchtlingen 1922 aus Jerusalem nach Griechenland mitgebracht und der Kirche der Heiligen Dreifaltigkeit (Agia Triada) in Heraklion (Kreta) übergeben und geriet dort in Vergessenheit. Erst kürzlich, 2012, wurde sie unbeachtet in einem Lagerraum des Pfarrheims wiederentdeckt. Oben rechts ist, auf verschiedenen Bildfeldern verteilt, das Weltgericht eingefügt. Links führt Petrus zwei Heilige an die Himmelspforte, rechts verschlingt ein Drachenmaul mehrere Sünder, und oben (wieder in einem separaten Bildfeld) erscheint Christus inmitten von Heiligen als Richter. Die Torszene zeigt neben Petrus und den Heiligen auch etwas Wandfläche. Direkt darüber öffnet sich ein Kubus und man kann in den dunkelgrünen Paradiesgarten blicken.

 

Dieses Beispiel, eine Ölmalerei auf Leinwand, ist aus dem Staatliche Museum der Schönen Künste der russischen Republik Tatarstan. Als Entstehungsjahr wird 1842 angegeben, mehr ist über die Provenienz dieser Arbeit nicht bekannt. Die Bildkonzeption hat sich leicht gewandelt: So wurde die Zahl der kleinen Bildtafeln reduziert, der rötliche Ton ist weniger dominant, und vor allem ist links ein Porträt von Maria rechts ein Porträt von Jesus gegenüber gestellt. Auch das Neue Jerusalem wurde modifiziert: Man sieht drei graue Wandseiten, oben zahlreiche Fenster oder Nischen sowie ein goldenes Dach oder Kuppel. Die rote Pforte wird gerade aufgeschlossen, sie hat oben spätbarocke Verzierungen. Auch ist ein Besitzvermerk hinzugekommen: Im unteren Bereich ist ein Rand freigelassen, für den Namen des Pilgers bzw. Käufers samt einiger frommer Segenswünsche.

 

Dieses Proskynetarion stammt aus der Mitte des 19. Jahrhunderts. Das Ölgemälde wurden in Jerusalem von griechisch-orthodoxen Mönchen auf rechteckigen Leinwänden angefertigt und anschließend zum leichteren Transport zusammengerollt. Es hat nach 1989 den osteuropäischen Raum verlassen und stand 2021 zur Versteigerung an. Die Ölmalerei hat eine Größe von 97 x 152 Zentimetern. An verschiedenen Stellen blieb sie unvollendet, nicht jedoch beim Weltgericht. Dort ist eine einfache Himmelspforte eingesetzt. Sie hat genau die Höhe wie das angrenzende Bild, so dass kein Platz mehr für Mauerwerk oder Wolken blieb, zumal sich von der anderen Seite Petrus mit einigen Heiligen direkt an die (noch) geschlossene Pforte schiebt. Der Blick wird von der Seite der Ordnung und Reihung zur rechten Seite der Unordnung und Verstreuung geführt. Dort reißt ein giftgrüner Drache sein Maul auf. Seine scharfen weißen Zähne zermalmen die Sünder, die zum Teil hilflos in seinem speienden Feuerstrahl schmoren.

 

Ebenfalls aus der Mitte des 19. Jahrhunderts ist diese Fassung mit etwas weniger Bildfeldern, kleiner und preiswerter. Das Weltgericht darauf zeigt aber aller typischen Merkmale eines Proskynetarion, hier sogar mit einem detailreichen Neuen Jerusalem, von dessen Stadtmauer jeder einzelne Stein zu sehen ist. Darüber sind ein Laub- und ein Nadelbaum zu erkennen, aber keine Heiligen in der Stadt. Auch unten steht Petrus allein vor der noch verschlossenen Pforte, deren Oberfläche mit roten Flammen verziert ist. Die Ölmalerei aus Thessalien (Griechenland) war 2017 auf der Ausstellung „Reise ins Heilige Land durch die Pilgerstätten des Byzantinischen und Christlichen Museums“ im Kloster Mariä Verkündigung auf der griechischen Insel Skiathos zusehen.

 

1857 (Datierung mittig am unteren Rand) entstand in der gleichen Jerusalemer Werkstatt eine Kopie der 1842er-Fassung, die bei den Porträts und Szenen aus dem Leben Christi große Ähnlichkeit zeigt, ebenso in der Farbwahl. Gerade beim Himmlischen Jerusalem ergaben sich nach gut einem Jahrzehnt jedoch kleine Veränderungen. Die Stadt ist größer geworden, die rote Pforte breiter. Von der linken grauen Mauer kann man die einzelnen Steine gut erkennen. Die Ölmalerei mit partieller Vergoldung ist 130 x 190 Zentimeter groß. Sie wurde 2023 in Deutschland erfolgreich versteigert und ist vermutlich eines der ältesten Proskynetaria, welches sich in einer Privatsammlung befindet.

 

Ebenfalls von 1857 ist diese Malerei aus der Sammlung christlicher Kunst auf bulgarischem Gebiet, dem Museum für christliche Kunst in der Krypta der Alexander-Newski-Kathedrale (Sofia, Bulgarien). Auf ihr sind die Bildfelder stärker voneinander abgegrenzt. Die Weltgerichtsszene ist mit einem blauen Schriftband überwölbt. Was nun das Neue Jerusalem angeht, wird hier besonders deutlich, dass man sich die rote Füllung als geschlossene Pforte vorstellen muss – hier sind noch die (hölzernen) Kassetten auf der Außenseite zu erkennen. Auf dieser schmalen Pforte thront eine Figur mit goldenem Heiligenschein, die ein kleines Kind auf dem Schoß hält – vermutlich einer der drei Patriarchen mit dem Symbol einer menschlichen Seele. Von dort aus zieht sich die graue Stadtmauer schräg nach hinten, springt vor und zurück. Oben, auf der Mauerkante, sind ihr graue Kuppeln aufgesetzt, dazwischen erscheinen immer wieder Nadelbäume. Hingewiesen werden soll noch auf die beiden Porträts von Maria und Jesus. Die Ecken der beiden Porträts erscheinen eingeknickt, da sie mit kreisrunden goldenen Scheiben besetzt sind, die mit Heiligen besetzt sind. Diese Porträts, die für die Datierung wichtig sind, entwickeln sich langsam von einem Rechteck, annähernd quadratisch, zu einer runden Form eines Ovals.

 

Bei dieser Fassung besteht die Stadtanlage Jerusalems aus folgenden drei Bestandteilen: Links eine niedrige Mauer, so dass man die Heiligen darüber gut sehen kann. In der Mitte die Pforte, auch hier meist rot, die gerade von Petrus aufgeschlossen wird. Rechts eine hohe, schräg nach hinten laufende Mauer, vor der sich hinter Petrus einige Gerettete einfinden. Diese Fassung war überaus populär, das älteste Beispiel stammt aus dem Jahr 1859 und ist im Regionalen Historischen Museum von Warna in Bulgarien ausgestellt. Authentische Kopien dieses Proskynetarion befinden sich in Kirchen und Museen vornehmlich in Südosteuropa. An erster Stelle zu nennen sind zwei Arbeiten, die beide noch um 1860 entstanden sind und aus der gleichen Werkstatt stammen: Eine befindet sich heute in der Kirche Ayios Yeoryios Methokhion, Yeniköy/Istanbul, die andere im Museum von Plowdiw. Dann existieren Kopien aus dem Jahr 1903 in der Kirche Mariä Himmelfahrt in Afumați/Rumänien (1 x 1,20 Meter) oder in der Kirche St. Nicholas in Gostilele/Rumänien (um 1914, restauriert von Dr. Ion Lazar). Auch im Auktionshandel tauchen auffällig oft Kopien auf, so eine Kopie von 1880 (Galerie Djurkovi, Plowdiw), eine 110 x 151 Zentimeter große Kopie von um 1910 (Mutualart), eine 104 x 155 Zentimeter große Kopie von 1912 (Galerie Bulart in Warna/Bulgarien) sowie eine 111 x 150 Zentimeter große Kopie von 1914 (Hargesheimer Auktionen).

 

Es gibt mindestens eine weitere Ikone des Typs Proskynetarion, bei welcher über dem Weltgericht samt der versammelten Heiligen ein gebogenes Band wie ein Regenbogen gespannt ist. War er 1857 noch mit einer Schrift ausgestattet, so sind es hier, bei einer Fassung von um 1860, kleine Heiligen-Medaillons, dazwischen Fruchtgirlanden. Andere Details deuten darauf hin, dass die Arbeit von ca. 1860 aus der gleichen Jerusalemer Werkstatt stammt wie die folgende Malerei von 1863. Wie diese bestehen hier die Mauern des Neuen Jerusalem aus mehreren Wandpaneelen. Hier sind es mindestens sieben rosafarbenen Paneele. Die drei der linken Seite zeigen oben einen wilden Bewuchs, der wie Flammen erscheint. In der Mitte der Paneele steht die Pforte, deren Schloss die Form eines lateinischen Kreuzes hat. Im hiesigen Fall gelangte das Proskynetarion auf die griechischen Kykladen, auf die Insel Amorgos. Man findet es in dem Ortsteil Rachidi des Hafendorfs Katapola, in der dortigen griechisch-orthodoxen Kirche Agios Georgos.

 

Aufgrund verschiedener stilistischer, aber auch motivischer Merkmale kann man diese undatierte Fassung ziemlich genau auf die Zeit um 1860 datieren. Aufbewahrt wird das 119 x 173 Zentimeter große Proskynetarion im Byzantinischen und Christlichen Museum von Athen (Inventarnummer BCM 22608). Markant sind hier sicherlich die dunklen Farbtöne, die auch das Weltgericht betreffen. Das Höllenmonster links, sonst fast immer grün, ist hier fast schwarz, wodurch die weißen Zähne besonders gut hervortreten. Ebenso hat die Pforte eine dunkle braune Füllung, umzogen von einer weißen Laibung und weißen Stufen – sie korrespondiert also mit dem Drachenmaul. Es ist eine einfache, schmale Pforte, wie man sie bereits aus der Romanik kennt.

 

Auf 1863 ist dieses Proskynetarion datiert, in etwas helleren Pastellfarben als sonst üblich bei diesem Ikonentyp. Es handelt sich um eine Temperamalerei mit Blattgold und Blattsilber auf einer 135 x 194 Zentimeter großen Leinwand. Sie gelangte zur Zeit des Fürsten Alexandru Ioan Cuza nach Rumänien und wurde dort 2022 unter dem Titel „Die Festung von Jerusalem“ versteigert. Festungsartig erscheint das Neue Jerusalem vor allem durch den Erzengel Michael, der die Stadt in Rüstung mit einer langen Lanze verteidigt. Die hohen, weißen Mauern besitzen ebenfalls den Charakter einer Festung, einige Heilige befinden sich bereits im Inneren, andere suchen noch Schutz.

 

Der Bogen über dem Weltgericht war eindeutig eine Mode der 1860er Jahre, dieses Exemplar ist auf 1866 datiert. Hier handelt es sich wieder um ein Schriftband vergoldeter Lettern auf blauem Untergrund. Die Inschriften sind zweisprachig (russisch und rumänisch) und enthalten kyrillische Schriftzeichen. Das Weltgericht darunter ist ähnlich gehalten wie die Proskynetaria zuvor, mit der Besonderheit, dass Petrus hier zwei Schlüssel trägt und damit, aber auch in anderen Details, der Fassung von 1857 ähnelt. Das Augenmerk des Malers lag auf den Figuren; die Architektur wurde hingegen lieblos und grob mit breitem Pinsel hingeschmiert. Die Gesamtgröße der Malerei beträgt 103 x 146 Zentimeter. Die Authentizität dieser 1866er-Fassung wurde am Original geprüft, es handelt sich keinesfalls um eine Fälschung, sondern um eine Arbeit in Tempera, die 2021 für für 14.000 Euro versteigert wurde – ein bemerkenswerter Preis für ein Proskynetarion. Vor 2021 befand es sich in Besitz einer rumänischen Privatsammlung, die das Kunstwerk von einem aufgelassenen Kloster erworben hatte.

 

Nur minimal verändert erscheint diese Ikone, die daher ebenfalls der gleichen Werkstatt zugerechnet werden muss wie beide Werke zuvor (1863er und 1866er Fassung). Sie entstand 1871 und hat ihren Aufbewahrungsort in der Krypta der St. Alexander Nevsky Kathedrale in Sofia (Bulgarien) gefunden. In das Auge fällt zunächst, dass die beiden großen Porträts nicht in einer rechteckigen, sondern ovalen Form gesetzt sind, umkreist von 20 kleinen Kreisen mit jeweils einem Heiligen oder einer Heiligen. Der Bereich um Jerusalem ist eher grün geprägt als die ansonsten rotgelbe Malerei. Von der Stadt ist einmal mehr die rote Füllung zu sehen, daneben Petrus beim Aufschließen. Die Stadtmauer besteht neben der eigentlichen roten Pforte aus drei Mauerteilen. Diese springen vor- und zurück, so dass sie einem Paravent ähneln. Der linke Mauerflügel zeigt geometrische Ornamentierungen, wie es für die Mitte des 19. Jahrhundert typisch war.

 

Dieses Exemplar ist auf 1873 datiert. Es stammt aus dem Dorf Oresche bei Widin (Bulgarien) und erzählt die biblische Geschichte in einer etwas vereinfachten Form, birgt aber dennoch ein interessantes Detail. Unter der schlafenden Figur des Propheten Baruch, der laut Apokryphen von der Wiederherstellung Jerusalems träumte, befindet sich eine stilisierte Darstellung einer Stadt: drei rote Häuser, umgeben von einer roten Mauer. Die Inschrift lautet „über den Aufbau Russlands“, es müsste aber „über den Aufbau Jerusalems“ lauten. Experten vermuten, dass diese Inschrift die damals weit verbreitete eschatologische Vorstellung von Russland als dem dritten Rom widerspiegelt und die Hoffnung der Bulgaren auf eine rasche Befreiung von der türkischen Herrschaft durch die Russen zum Ausdruck bringt.

 

Die Mitte des 19. Jahrhunderts war unbestritten die Hochzeit der Proskynetaria. Auf 1886 ist eine weitere Tempera-Malerei mit Silber und Gold datiert. Wurde der einmal gefundene Aufbau immer wieder reproduziert, so waren doch die Maße dabei recht unterschiedlich, hier betrugen sie sogar 270 x 326 Zentimeter. Diese besonders große Fassung wird im Ethnographischen Museum von Plowdiw in Bulgarien aufbewahrt. Das Museum erwarb das Kunstwerk als Dokument bulgarisch-orthodoxer Frömmigkeit des 19. Jahrhunderts und stellt sie in einem großbürgerlich nachempfundenen Wohnzimmer aus, was seinem ursprünglichen Aufstellungsort nachkommt. Der Pilger Stantcho Kostadinov hatte das Kunstwerk 1886 in seine Heimat gebracht und dafür den Ehrentitel „Hadzhi“ verliehen bekommen. Bezüglich des Neuen Jerusalem ist das Kunstwerk eine kleine Sensation. Höchst ungewöhnlich wird die Stadtmauer hier von zwei Pforten unterbrochen. Links stehen einige Frauen vor einer gelben Pforte, rechts mehrere Männer vor einer roten Pforte. Rechts sind die Figuren wie auch die Pforte nicht nur größer, sondern auch mehr ornamentiert. Zusätzlich wurde die rote Pforte noch mit den vier Paradiesflüssen ausgestattet – ebenfalls für ein Proskynetarion etwas Besonderes.

 

Ein spätes, 155 x 155 Zentimeter großes Proskynetarion aus der Zeit um 1890 findet sich im Kunstmuseum der Region Czernowitz (Ukraine), die auch als „Jerusalem am Pruth“ bezeichnet wird. Als das Kunstwerk mit kyrillischen und griechischen Inschriften nach Czernowitz kam, gehörte die Region zum östlichen Herrschaftsbereich der Habsburgermonarchie. Das Museum erwarb die Ikone in einem stark beschädigten Zustand 1988 von einer Privatperson. Sie hat wieder ihr ursprüngliches Aussehen, nach einer fünf Jahre währenden Restaurierung durch den Künstler und Restaurator Wladimir Krasnow und weiterer Helfer. Erst anschließend war eine kunsthistorische Einordnung möglich: Die Arbeit entstammt der gleichen Werkstatt oder Schule wie die 1871er-Fassung, mit Ausnahme des Weltgerichts. Hier findet sich nämlich nochmals die Dopplung der Himmelspforte. Jetzt sind beide Pforten rot gefüllt und haben eine gleiche Größe. Auch die vier Paradiesflüsse sind wieder zu entdecken, sind aber von der linken zu der rechten Pforte gewandert. Sie befinden sich nicht länger direkt unter der Pforte, den hier sind in beiden Fällen einige Stufen hinzugefügt. Die schrägen Mauerpaneele sind polygonal gesetzt, auch weiße Kuppeln wurden hinzugefügt.

 

Ein gewisser Umbruch dieser Bildgattung fand um 1900 statt, wofür dieses Werk ein Beispiel ist. Die Zahl der Bildfelder dieser mit 73 x 89 Zentimeter relativ kleinen Malerei ist deutlich zurückgegangen, die einstige Farbigkeit einem braun-roten Grundton gewichen, der dunkel bleibt, selbst wenn man die Firnis herausrechnet. Auch die Malereien innerhalb der Bildfelder wurde vereinfacht. Beim Weltgericht etwa wurden die Zähne des Drachenmonsters gestrichen, ebenso fehlt die Gruppe der Geretteten vor dem Eingangsbereich. Dieser besteht aus der rot gefüllten Hauptpforte, der links und rechts kleinere Pforten hinzugefügt wurden, so dass man jetzt auf drei Pforten insgesamt kommt – so viel wie bislang noch auf keinem Proskynetarion. Dieses Exemplar mit Beischriften auf Kirchenslawisch ist vermutlich nicht in Jerusalem angefertigt worden, sondern 1908 in Moskau für das Kloster Neu-Jerusalem. 2019 ist die Arbeit erstmals im Kunsthandel nachgewiesen.

Magdalena Łaptaś: A proskynetarion from the collection of the National Museum in Warsaw. A preliminary description, in: Jacques van der Vliet u.a. (Hrsg.): Coptic studies on the threshold of a new millennium, Leuven 2000, S. 1349-1358.
Margret Kampmeyer, Cilly Kugelmann (Hrsg.): Welcome to Jerusalem, Köln 2017.
Maja Łozińska: Ignacy Jan Paderewski, Olszanica 2019.
Αθηνά Κυριακάκη-Σφακάκη: Εικονογραφίας Κειμήλια Ιερού Ενοριακού Ναού Αγίας Τριάδος Ηρακλείου Κρήτης, Αθηνά 2022.
Valentina Izmirlieva: Christian hajjis – the other orthodox pilgrims to Jerusalem, in: Slavic Review, 73, 2, 2014, S. 322-346.
Pnina Arad: Landscape and Iconicity: Proskynetaria of the Holy Land from the ottoman period, in: The Art Bulletin, 100, 4, 2018, S. 62-80.
Ruhiye Onurel, Eva Aleksandru Şarlak: Stylistic Analysis of the Holy Icons from Saint George Church in Yenikoy, Istanbul, in: Athens Journal of History, 10, 2, April 2024, S. 97-112.

 

tags: Pilger, Weltgericht, Polen, Bulgarien, Rumänien, Andenken, Wallfahrt
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