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Markus von Gosen (1913-2004): Martinikirche in Minden (1954)

Das kriegszerstörte Chorfenster der lutherischen Martinikirche in Minden (Ostwestfalen) wurde 1954 erneuert. Lässt man die Notverglasungen außer acht, dann ist hier eine der frühesten bedeutenden Glasarbeiten der Nachkriegszeit entstanden. Die lange Fensterbahn zeigt unten die Arche Noah, darüber das Gleichnis vom Weinberg, dann das Neue Jerusalem (hier zu sehen) und ganz oben Christus als guten Hirten. Die Arbeit aus Antikglas, Blei und Schwarzlot ist signiert und nennt Markus von Gosen (1913-2004), einen Glaskünstler aus Breslau, der nach dem Krieg nach München geflüchtet war. Dort errichtete er eine eigene Fresken- und Glasmalereiwerkstatt, in der auch dieses Fenster angefertigt wurde. In seinem umfangreichen Schaffen ist es hier das erste Mal, dass er das Himmlische Jerusalem bildlich thematisierte. Von Gosen zeigt uns Jerusalem in einem Kreis, in welchem ein Quadrat gelegt ist – eine uralte Lösung, die schon bei Hildegard von Bingen thematisiert ist. Bei dieser modernen Interpretation überschreiten allerdings die Architektur und auch Bäume sowohl die Quadratseiten als auch den Kreisumfang. Das betrifft zwei Architekturteile links unten und links oben. Von Gosen schrieb dazu: „Der Kreis und das in ihn gelegte Quadrat sind eine Lösung, die schon das Mittelalter kennt. Mit den Bauten, die an einigen Stellen den Rand des Kreises überschreiten, hat es folgende Bewandtnis: Jerusalem sollte eine Stadt sein, die voller Kraft und Lebendigkeit Grenzen überschreitet und aus Christus, ihrer eigentlichen Mitte, nach außen wächst. Und noch ein Gedanke: es sollte angedeutet sein, dass etwas vom Neuen Jerusalem auch in unsere Schöpfung hineinragt, noch zeichenhaft und ansatzweise, was an das Gleichnis mit dem Saatkorn erinnert“ (gemeint ist das Markusevangelium, Kap. 4).
Die Stadt ist angefüllt mit Wohnbauten, die etwas an Bauklötzchen erinnern. Dazu tragen auch die bunten Farben bei, die dieses Fensterdetail bestimmen, während die restliche Fensterbahn farblich zurückhaltend koloriert wurde. Die Stadtmitte blieb ungestaltet, da sich die breite Halterung der Fensterbahnen wie ein Kreuz durch das Kunstwerk zieht.

Reinhard Mumm: Die St. Martini-Gemeinde in Minden/Westfalen, Minden 1959.
Jürgen Römer: Martinikirche Minden, Regensburg 2005.
Heinrich Winter (Hrsg.): Ratskirche St. Martini Minden. Ein Jahrtausend Kollegiatstift, Pfarrei, Gemeinde. Evangelisch-Lutherische Sankt-Martini-Kirchengemeinde, Minden 2009.
Jan J. Trzynadlowski: Ojciec i syn – Theodor/Marcus von Gosen, Wrocław 2011.

 

tags: Minden, Ostwestfalen, Nachkriegskunst, Chorfenster
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