Jerusalemsleuchter in Saint-Remi, Reims (um 1888)

In der Abteikirche Saint-Remi, heute Reims, in der historischen Region Champagne befand sich einst ein Leuchter, der zwischen 1165 und 1170 angefertigt worden war. Er war von Abt Odo I. für den Chor der Kirche in Auftrag gegeben worden. Dieser romanische Frédéronne-Kandelaber wurde während der Französischen Revolution zerstört, ein Fragment war im ehemaligen archäologischen Museum des Erzbischöflichen Palastes ausgestellt und entging 1914 nur knapp den Flammen beim Brand des Gebäudes. Heute befindet es sich im Stadtmuseum von Reims.
Gegen Ende des 19. Jahrhunderts entstand das Bedürfnis, den Verlust durch eine Neuanschaffung auszugleichen. So wurde 1896 eine neue kunstvolle Lichtquelle für die Abteikirche angefertigt. Obwohl es nicht allzu lange her ist, kann man heute den Künstler oder die Werkstatt nicht mehr herausfinden, trotz mühseliger Archivbesuche vor Ort. Das neue Kunstwerk orientiert sich in Proportion und Detailausführung nur ansatzweise an den Kandelaber; so wurde auf die Evangelisten sowie verschiedene Fabelwesen ebenso verzichtet wie auf Bergkristallstücke. Auch befindet er sich an einem anderen Ort, nämlich in der Vierung der Abteikirche.

Obwohl der Leuchter einen Durchmesser von fünf Metern hat, geht er in dem gewaltigen Kirchenschiff fast verloren und ist beispielsweise von der Westseite fast gar nicht zu erkennen. Trotzt seiner 96 Kerzen ist seine Leuchtkraft begrenzt und war möglicherweise von Beginn an lediglich symbolisch gedacht. Von den kunstvollen Details kann der Betrachter der Entfernung wegen kaum etwas erkennen, zumal es in der Abtei meist ziemlich düster ist.

Auch als Beleuchtungskörper wird er heute nicht mehr verwendet, so dass das Objekt einen Funktionswandel zum reinen Schmuckstück durchlief. Hier zeigt der Leuchter allerdings seine besondere Qualität. Als einer der ganz wenigen Leuchter sind am Reif die Vorder- wie auch die Rückseite vollständig ornamental bearbeitet und mit gläsernen Schmucksteinen besetzt, die auf die Edelsteine des Neuen Jerusalem anspielen. Im Wechsel sind es rote und grüne Rauten.

Dazwischen findet man im regelmäßigen Abstand weiße Halbkugeln: eine Referenz an die schmückenden Perlen der Stadt. Die zwölf Bronzetürme bestehen aus drei sich verjüngenden Baukörpern, oben jeweils mit einer Lilie bekrönt (der Bau ist auch die Grablege einiger französischer Könige). Der untere Baukörper besteht aus offenen Arkaden, in die einst Kerzen eingesetzt wurden, zusätzlich zu den je acht Kerzen auf jedem Abschnitt des Reifs. Von außen betrachtet erscheint der Leuchter rund. Steht man unter ihm, erkennt man die zahlreichen Vor- und Rücksprünge, ebenso die sieben Kugeln, in denen die Zugketten verbunden sind.

Selten: ein Blick in den unteren Abschluss eines der zwölf Türme.

Louis Demaison: La restauration de l’église Saint-Remi de Reims, in: Bulletin Monumental, 96, 1937, S. 91-100.
Gustave Crouvezier, Louis Paul Bocquet: Saint-Remi de Reims, Saint-Brice-Courcelles 1963.
Anne Prache: Reims. Die Kathedrale Notre-Dame und die Basilika Saint-Remi, Würzburg 1985. 

 

tags: Neorenaissance, Radleuchter, Jerusalemsleuchter, Frankreich, Reims, Bronze
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