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Retabel aus Dorfkemmathen (um 1450)

Die evangelische Pfarrkirche in Dorfkemmathen im Landkreis Ansbach (Mittelfranken) besitzt mehrere Kunstwerke aus der Zeit der späten Gotik. Vor allem ein imposanter Marienaltar zieht die Aufmerksamkeit der Besucher an sich, da es sich vermutlich um ein Werk eines Schülers von Albrecht Dürer handelt. Die kleine Kirche birgt aber auch eine unter Fachleuten kaum bekannte mittelalterliche Weltgerichtsdarstellung. Es handelt sich um ein polychrom gefasstes Relief, das einst als Retabel diente und heute in der rechten Wandseite des Kirchenschiffs eingefasst ist.

Die dreiteilige Schnitzerei zeigt auf der linken Tafel den Heiligen Petrus, der gerade zwei Erlösten behilflich ist, in das Himmlische Jerusalem zu gelangen. Auch hier ist dem Heiligen ein übergroßer Schlüssel beigegeben, der für die Gläubigen einst eine besondere Bedeutung hatte, das Wort „Schlüsselgewalt“ zeugt noch heute davon. Von der Himmelspforte sieht man in der Ecke links oben lediglich Teile der Türrahmung im spätgotischen Stil, darüber einen graublauen stilisierten Wolkenfries, wie er im 14., und auf dem Land noch im 15. Jahrhundert dargestellt wurde, vgl. etwa diese Skulptur aus Bar le Duc. Die Türrahmung der Pforte ist in Dorfkemmathen gleichzeitig der Rahmen des Bildes – ein origineller Einfall.

In der kleinen quadratischen Schnitzerei der linken Tafel ist ansonsten das gesamte Weltgericht dargestellt. Oben erwachen die Toten und steigen aus ihren Gräbern. Darunter teilt ein Engel mit einem Schwert die Erlösten dem Himmlischen Jerusalem zu und die Verdammten der Hölle. Diese findet man auf der rechten Seite, wo ein Monster einen armen Sünder mit sich schleppt. Betrachtet man das Monster, versteht man den Schimpfnamen Großmaul besser.

Es handelt sich insgesamt um eine einfache Arbeit, was man vor allem an den körperlichen Proportionen der Figuren sehen kann. Sie wurde in einer süddeutschen Werkstatt um 1450 angefertigt und war in der Dorfkemmathener Kirche in Funktion, bis man sich den künstlerisch moderneren Marienaltar leistete und den bisherigen Weltgerichtaltar auflöste. Das war vermutlich im Zuge der Reformation, als der Altar zunächst an der linken Wandseite im Altarbereich einen neuen Platz finden konnte. Eine altes Schwarz-Weiß-Aufnahme belegt diese Aufhängung zwischen zwei Türen. Kurz nach dieser Aufnahme wurden die Fresken freigelegt, und im Zuge dieser Maßnahme wurde das Retabel ein drittes Mal umgehängt.

 

tags: Altar, Gotik, Süddeutsch, Mittelfranken, Schnitzerei, Retabel
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