Die römisch-katholische Kathedrale von Sens in Burgund ist einer der ersten sakralen Großbauten der Gotik, was nicht nur für die Fassade, sondern auch die Glasmalereien im inneren gilt. Der gesamte Raum ist mit hochwertigen Malereien ausgestattet mit der Tendenz, das steinerne schwere Bauwerk aufzulösen und es in einen Lichtdom umzuwandeln. Zu dieser Tendenz passte es selbstverständlich hervorragend, unter den Motiven auch das Himmlische Jerusalem, eine göttliche Himmelsstadt, die von Christus beleuchtet wird, mit aufzunehmen. In Sens, wo man um 1205 das Himmlische Jerusalem bereits an der Fassade zur Darstellung brachte, wurde zur gleichen Zeit, vielleicht sogar vom gleichen Künstler oder Handwerksbetrieb, das Thema erneut aufgegriffen. Dass eine Thematik in größeren Kirchen über die Jahrhunderte mehr als einmal anzutreffen ist, kam durchaus vor, doch dass die Werke zur gleichen Zeit eingebaut wurden, ist schon eine erwähnenswert Besonderheit, ja Rarität. In der Kathedrale findet man das Neue Jerusalem auf einem Doppelfenster des linksseitigen, nördlichen Chorumgangs.

Es handelt sich bei Jerusalem um das rechte Fenster, das die Geschichte des guten Samariters zum Thema hat (das linke zeigt das Gleichnis vom verlorenen Sohn). Diese Geschichte aus dem Lukasevangelium ist an sich recht kurz, so dass man womöglich Schwierigkeiten hatte, mit ihr die immerhin sechzehn Bildfelder zu füllen, so dass man die Geschichte ausschließlich in die drei übereinander gesetzten Rautenfenster packte.

Ganz oben entschied man sich für Szenen von Adam und Eva im Paradies. Über diese das Himmlische Jerusalem zu setzen, ist aus mehreren Gründen nachvollziehbar: Es gibt eine Vorstellung eines ewigen Jerusalem, das gewissermaßen der andauernde Aufenthaltsort von Gott, Christus und dem Heiligen Geist ist. Noch vor der eigentlichen Schöpfung ist Jerusalem ein Ort jenseits von Zeit und Raum. Dann gab es einen Traditionsstrang, vor allem in der Ostkirche, der das Paradies, um das es hier auch geht, sehr eng mit dem Himmlischen Jerusalem verbindet. Und schließlich ist das Himmlische Jerusalem der zukünftige Ort des Samariters, das er sich mit seinen unten auf dem Glasfenster wiedergegebenen Taten verdient hat.
Für die Darstellung der Stadt war nicht mehr viel Platz, die ovale Form war durch den oberen Abschluss vorgegeben. Die Vorder- und Rückseite zeigt neben Mauerwerk jeweils drei eingelassene Tore, das mittige etwas größer und ausgeschmückter. Im inneren sind mehrere Bauten aneinandergefügt, darüber steht der lateinische Schriftzug „Civitas Ihervsalem“ in goldgelben Lettern. Mit dem Begriff „Civitas“ wird nochmals herausgestellt, dass es sich, ähnlich wie bei „Civitas Dei“ nicht um das palästinensische Jerusalem, sondern um die übergeordnete Heilsvorstellung handelt. Die Farben entsprechen übrigens nicht den natürlichen Gegenständen; so ist der Untergrund der Stadt blau, die Stadtmauern grün, die Tore zum Teil blau. Der Erhaltungszustand ist erstklassig; in Sens hat sich eine der frühesten Beispiele dieser Thematik in Glas am Originalstandort erhalten.
Abbé Brullée: Description des verrières de la cathédrale de Sens, in: Bulletin de la Société Archéologique de Sens, 7, 1861, S. 162-216.
Bernard Brousse, Claire Pernuit, Lydwine Saulnier-Pernuit: Merveilles du xiiie au xixe siècle, les vitraux de la cathédrale de Sens, Garches 2013.



