Glasmalereien aus St. Ulrich in Wilchenreuth (1911)

Im Ort Wilchenreuth bei Neustadt an der Waldnaab (Oberpfalz) haben die evangelische wie die römisch-katholische Kirche den Namen Ulrich. Bei beiden Kirchenbauten wurden im Bauschmuck das Himmlische Jerusalem thematisiert. Die ältere evangelische Kirche besitzt bedeutende Wandmalereien aus der Romanik, die katholische Kirche hochwertige Glasarbeiten zwischen spätem Historismus und frühem Jugendstil. Diese Glasarbeiten finden sich hier einmal nicht bei den Fenstern, sondern in offen gelassenen Feldern der Holztüren. Das ist der Fall bei dem Zentraleingang an der Westseite und am linken Nebeneingang (Nordseite). Die Fassade mit dem Haupteingang wartet mit einer durchdachten künstlerisch-theologischen Konzeption auf.

Das Portal ist zunächst mit Säulen im Halbprofil betont, die eine Kartusche tragen. In dieser ist zu lesen: „Die Kirche des lebendigen Gottes (,) die Säule u. Grundfeste der Wahrheit“ – der biblische Verweis darunter (Paulus, 1. Timotheus Kap. 3, Vers 15) ist kaum mehr zu entziffern. Darüber wurde eine Messingstele gesetzt, die das Auge Gottes in einem Dreieck zeigt, in Korrespondenz zu einer weiteren Stele auf dem Dachfirst mit einem Hahn.
In den unteren Seitenfenstern links wie rechts ist bereits die apokalyptische Thematik aufgenommen, indem jedes Fenster eines der vier Engelswesen (Mensch, Löwe, Stier, Adler) zeigt. Das Oberlicht der Kassetten-Holztür zeigt im mittleren Feld die Stadt Gottes, von deren Kuppel nach oben ein Strahlenkranz ausgeht.

Nach unten fließt das Wasser des Lebens. Das Bauwerk dazwischen sieht nicht zufällig wie die Peterskirche in Rom aus, xy. Die Idee der römisch-katholische Kirche als der einzigen wahren Kirche wird auf den seitlichen Felder fortgeführt. Sie tragen ein Schriftband, auf dem zu lesen ist: „Ein Gott, ein Glaube, eine Kirche, für alle“. Diese Schrift ist nur von vorne, vor dem Portal, zu lesen, womit deutlich wird, dass die Hauptseite die Außenseite sein soll. Das gilt nicht für die angesprochene Seitentür, deren Motive man vollständig nur von innen, aus der Kirche heraus, erkennen kann. Diese Tür besteht aus drei Flügeln, entsprechend besitzt sie oben drei schmale Felder. Das Motiv der Stadt Gottes wurde hier fortgesetzt. Jedes Feld zeigt eines der zwölf Tore der Stadt. In die seitlichen Felder wurden in die gold-gelben Tore Engelsfiguren eingesetzt.

Das mittige Feld ist etwas größer, hier ergab sich die Möglichkeit einer detailreicheren Aussage: Von unten führen fünf Stufen an die Pforte. In diese sind zwei Perlen übereinander gesetzt. In die untere ist eine Taube, in die obere die Hand Gottes eingearbeitet. Auch hier ergänzt Schrift das Bild; über der Pforte ist in Latein zu lesen „Porta Coeli“, also „Pforte des Himmels“. Zwischen den Toren sind, wie übrigens auch auf dem Oberlicht des Hauptportals, immer wieder Sterne zu finden, die den in blauen Scheiben gesetzten Hintergrund zum Himmel oder Firmament andeuten.
Alle Glasarbeiten stammen noch aus der Erbauungszeit der Kirche, die gegen Jahresende 1911 eingeweiht wurde. Leider ist nicht bekannt geworden, welcher Meister die hier vorgestellten Arbeiten in welcher Glasmanufaktur herstellte – die Oberpfalz war damals reich an erstklassigen Produktionsstätten. Bei einem der Fenster hat sich noch die Beschriftung mit der Familie, die das Fenster gestiftet hat, erhalten. Es ist zu vermuten, dass auch die Glasarbeiten auf den Türen von Gemeindemitgliedern, Familien oder Institutionen gespendet worden sind.

Josef Greiner: Kath. Expositurgemeinde St. Ulrich Wilchenreuth, 1910-2010. 100 Jahre kath. Kirche, Neustadt 2010.

 

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