Franz Dewald (1911-1990): Glaswand von St. Michael in Viernheim (1956)

Der Bau von St. Michael in der nördlichen Vorstadt von Viernheim (Baden bei Karlsruhe) war Mitte der 1950er Jahre ein ambitioniertes Projekt der römisch-katholischen Kirche, mit einem Campanile, Pfarrheim, einer Kindertagesstätte und Kirche mit Empore aus heutiger Sicht überdimensioniert, zumal die in unmittelbarer Nähe liegende Apostelkirche für die Versorgung ausgereicht hätte.

Damals wollte man sich bewusst von dem neoromanischen Bau in der Innenstadt absetzen. Auch im Innenbereich wollte man Neues wagen. Der damalige Pfarrer Anton Darmstadt war mit dem Glasmaler Franz Dewald (1911-1990) persönlich befreundet, was eine Korrespondenz bis zurück in die 1930er Jahre belegt – Dewald war ursprünglich in Viernheim geboren worden und hatte in der Stadt auch nach seinem Weggang nach Grötzingen Beziehungen in die Heimat. Bereits 1952 machte Darmstadt dem Künstler erste Vorschläge zur Glaswandgestaltung, das Pfingstereignis oder die Tore Jerusalems waren in Diskussion. Aus verschiedenen Gründen kam es immer wieder zu Verzögerungen, zeitweise war auch Heinz Hindorf für die Fenster im Gespräch. Schließlich ging die theologische Begleitung von Darmstadt auf Paul Volk über, der sich schließlich für die Variante mit den Toren entschied. Damals war es die erste künstlerische Gestaltung dieses Themas von Seiten Dewalds, der das Thema im Laufe seines langjährigen Schaffens immer wieder aufgreifen sollte.
Am 29. April 1956 erfolgte die Grundsteinlegung mit Anwesenheit des Architekten Hugo Becker, und schon im Sommer wurden knapp 50 vertikale Glaslamellen an der Süd- und Westseite zwischen die unverputzten Betonpfeiler gesetzt. Sie ziehen sich als schmale Bänder vom Boden bis hoch zur Deckenkante des Bauwerks. Damals stifteten zahlreiche Einzelpersonen, Familien und Firmen die einzelnen Lamellen, was auf diesen handschriftlich im unteren Bereich vermerkt ist. Diesen unteren Bereich hat man 2012 durch die Firma Heinze jeweils eine weitere Glasscheibe vorgesetzt, um Beschädigungen auszuschließen.

Betritt man die Kirche vom Haupteingang, öffnet sich ein Oval und von der Verglasung sieht man zunächst nichts, da alle Glaslamellen von den Betonpfeilern verdeckt sind. Auf diesen Pfeilern bildet das Licht jedoch eine gewaltige, gelbweiße Raute, die geheimnisvoll im Raum schwebt.

Bewegt man sich nach vorne, wird Schritt für Schritt das Glasfenster sichtbar, es erscheinen langsam Kreise und andere geometrische Figuren, bis nach und nach die Tore Jerusalems sich zusammenfügen. Meist ist es so, dass ein Tor sich über mehrere Lamellen hinweg zieht, was man erst dann versteht, wenn die Betonpfeiler zurücktreten. Das ist vollständig der Fall, wenn man im Osten im Altarbereich steht.

Wirft man jetzt den Blick zurück in den Raum, erkannt man erst jetzt die Fensterwand in ihrer ganzen Schönheit. Statt einer nebulösen Raute erscheint nun ein gewaltiges gelbes Dreieck, das sich wie ein Keil durch die Glaswand schiebt: Die göttliche Welt wird von oben sichtbar und zertrennt die untere irdische Sphäre. Rechts kann man einen gelben, dann roten Regenbogen entdecken, der beide Sphären verbindet.

Die Kirche wurde bei ihrer Eröffnung in der lokalen Tagespresse als Architekturjuwel gefeiert, geriet aber bald in Vergessenheit. Eine wissenschaftliche Erfassung gab es ebenso wenig wie einen Kunstführer. Möglicherweise bleibt dafür nicht mehr viel Zeit, denn die Existenz des Baus als Kirche ist nicht gesichert: Unter dem Titel „Vertraute Orte – Neues Leben“ sammelte 2025 das Bistum Mainz Ideen und Vorschläge aus der Bürgerschaft mit dem Ziel, der denkmalgeschützten Kirche einer neuen Nutzung zuzuführen.

 

tags: Baden, Nachkriegskunst, Glaswand, Glasdom, Tore, Regenbogen, Profanierung
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