Wilhelm Keudel (1913-1974): Glasfenster von St. Maria in Harburg-Hamburg (1963)

Wilhelm Keudel (1913-1974) gehört heute zu den weniger bekannten Künstlern der unmittelbaren Nachkriegszeit. Er bediente ein breites künstlerisches Spektrum, gestaltete Brunnen, betrieb künstlerische Photographie oder wurde bei Farbberatungen hinzugezogen. Die sakrale Glaskunst für römisch-katholische Kirchen, vornehmlich im Neubau, war sein Hauptarbeitsgebiet. Keudel stammt ursprünglich aus Magdeburg, verbrachte aber die meiste Lebenszeit in Salzgitter. Einige seiner Werke gingen in Kirchen verloren, die inzwischen profaniert und einem anderen Zweck zugeführt wurden; einige seiner Werke kann man noch heute in überwiegend norddeutschen Kirchen finden, etwa in St. Petrus in Hamburg-Finkenwerder, St. Ansgar in Hamburg-Niendorf oder Heilig Geist in Großhansdorf. Es ist ein Verdienst des Photographen Jan Petersen, seine Arbeiten einem größeren Publikum bekannt gemacht zu haben.
Einer der wichtigsten und umfangreichsten Aufträge Keudels war die Verglasung der römisch-katholischen Kirche St. Maria in der Altstadt von Hamburg-Harburg. 1969 konnte der Wiederaufbau der im Zweiten Weltkrieg zerstörten Kirche abgeschlossen werden, heute ist es die älteste Kirche von Harburg. Das Innere wurde inzwischen mehrfach geändert, geblieben sind die Glasfenster, die bereits 1963 eingesetzt werden konnten.

Das Himmlische Jerusalem ist auf der Verglasung mehrfach thematisiert worden. Bei den großen Rundbogenfenstern im Kirchenschiff wurden die Symbole Mariens ausgewählt, sicher aus Anlass des Namens der Kirche. Keudel hat sie in eine farbige, mit starkem Gelbanteil gestaltete Glasfläche eingearbeitet. Sie sind in dem Gewirr expressiver Zacken, sich kreuzender und überschneidender Glasscheiben nicht sofort sichtbar, was auch so vorgesehen war: Die göttliche Präsenz sollte sich im Kirchenschiff erst langsam offenbaren. Eines der letzten Symbole vorne (rechte Seite, zweites Fenster vor dem Altar) ist die Himmelspforte oben, zusammen mit dem Stella Maris, dem Marienstern unten. Wie alle Symbole sind sie aus überwiegend gelben und weißen Scheiben zusammengefügt, die um das Symbol herum ein unförmiges Rechteck bilden.

Die Interpretation oder Zuschreibung wird etwas erschwert durch die Fensterreihe der gegenüber liegenden rechten Seite. Dort ist in der Mitte des Seitenschiffs (drittes Fenster vor dem Altar) ein ähnlich gestaltetes Objekt zu sehen, auch hier ist eine Pforte dargestellt: Möglicherweise haben wir hier das goldene Haus vor uns, möglicherweise aber auch die geschlossene Pforte (Porta Clausa).

Noch schwerer zu deuten ist die Gestaltung der Halbkreisfenster über den drei Eingangsportalen auf der West-, Nord- und Südseite. Es handelt sich hierbei um eine Zweisichtverglasung, so dass man die Motive auch gut von außen sehen kann. Die Oberflächenstruktur ist ähnlich wie bei den großen Buntglasfenstern, die Farbigkeit aber stark zurückgenommen, so dass diese Fenster im Kirchenschiff weniger auffallen, eigentlich nur beim Verlassen der Kirche. Sie zeigen jeweils sechs goldenfarbige Tore des Himmlischen Jerusalem in Form schmaler, rechteckiger Blöcke. Die Anordnung ist jeweils identisch: kleines Tor links außen, großes Tor rechts außen, zwei Tore linke Seite, vier Tore rechte Seite. Diese Anordnung ist einmal auf der Nordseite und einmal an der Südseite zu finden, und zwar jeweils seitenverkehrt.

Ähnliches gilt auch für das Rundbogenfenster über dem Haupteingang, das sowohl von außen als auch von innen (dann seitenverkehrt) betrachtet werden kann.

Insgesamt hat man somit 18 Tore. Keudel war es offensichtlich wichtig, beim Betreten und Verlassen der Kirche auf das Himmlische Jerusalem anzuspielen, in Tradition an das mittelalterliche Tympanon, wo dieses Motiv oft zu finden ist. Zufälligerweise wurde genau dieses Motiv 1963 in einer anderen Hamburger Kirche, der Katharinenkirche, aufgegriffen. Keudel hätte für St. Maria sicherlich auch drei Rundbögen mit jeweils vier Pforten entwerfen können und wäre dann auf die Zahl Zwölf gekommen, wie es in der Johannesoffenbarung geschrieben ist. Vielleicht aus Zeit- oder Kostengründen wurde aber nur eine Fassung mit sechs Toren entworfen, die dann drei Mal ausgeführt wurde.

Thomas Dörnte: 125 Jahre St. Maria-Harburg, Hamburg 1983.
Jan Petersen, Axel Lohr: Kirchenglasmalereien in Hamburg und Schleswig-Holstein, Kiel 2023.

 

tags: Supraporte, Türfenster, Litanei, Maria Immaculata, Nachkriegskunst, Hamburg
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