Marianne Hartmann (1941-2012): Wandteppich aus der evangelischen Kirche von Darmstadt-Reichelsheim (1981/82)

Die evangelische Kirche in Darmstadt-Reichelsheim wird auch als „kleine Kirche am See“ bezeichnet. Sie entstand im Rahmen einer Serienanfertigung kleiner Zeltkirchen nach Plänen der Düsseldorfer Architekten Helmut Duncker und Martin Gröbing. Die Motive waren weniger finanzieller Art, sondern hatten eine theologischen Hintergrund: Die Kirchen sollten sich als Provisorium bis zur Zweiten Wiederkehr verstehen, Pracht, Schmuck, aber auch Bequemlichkeit sollte es in dieser „Gotteshütte“, wie sie damals umgangssprachlich auch gebannt wurden, nicht oder nur begrenzt geben. Die Konzeption ist äußerst interessant, aber hier nicht das Thema.
Zwischen 1964 und 1975 wurden 26 solche Zeltkirchen aufgestellt, vor allem im Rheinland. Dieses Exemplar stand zunächst am Darmstädter Herdweg, wo es der Südostgemeinde diente, später kam es nach Kranichstein. 1981 wurde es an die Selbstständige Evangelisch-lutherische Gemeinde verkauft, die die Kirche zunächst neu ausstattete und sie 2000/2001 erweitern ließ. Heute ist es keine mobile Wanderkirche mehr, sondern das Zelt ist fest mit dem Untergrund verbaut: aus dem einstigen Provisorium ist ein dauerhafter Bau geworden.

Der gesamte Altarschmuck stammt aus einer Hand, Eva Limberg schuf für die Kirche 1982 einen Altar, ein Standkreuz, eine Kanzel und ein Taufbecken. Ein zentrales Kunstwerk hat jedoch eine Kollegin beigesteuert, nämlich die Handwebmeisterin Marianne Hartmann (1941-2012). Sie arbeitete an dem Gobelin in Wittingen im Kreis Celle. Dort hatte sie einen Schwerpunkt auf Paramente und Wandteppiche gelegt. Auf ihrem Gebiet bildete sie auch den Nachwuchs aus; 2000 wurde sie mit dem Ehrenring der Deutschen Handweberei ausgezeichnet.
Ursprünglich sollte Limberg den Altarbereich mit einem Kunstwerk aufwerten, einem farbigen Mosaik. Dazu ist es aber aus unbekannten Gründen nicht gekommen. Hartmann hat sich 1981 zwei Mal mit Limberg getroffen, um sich über die Aufgabe auszutauschen, erste Entwürfe wurden besprochen, wieder verworfen, überarbeitet, bis langsam die Idee der „gestapelten Tore“ entstand. In einem Interview (damals noch auf Tonband-Kassetten aufgenommen) erinnerte sich die Künstlerin über die Entstehung: „Die nach oben strebende Ausrichtung stand von Beginn an fest. Es gab auch Überlegungen, statt der Gesamtzahl der Tore nur ein einziges zu zeigen. Das wurde aber als katholisch empfunden und für den kleinen Raum ungeeignet, bei dem der tatsächliche Eingang einem gedachten Eingang gegenübersteht. (…). Von Beginn an stand fest, wenig Figürliches zu zeigen, sondern das Thema möglichst abstrakt umzusetzen. Architektur eignet sich da wesentlich besser als Figuren, wie etwa Christus oder hier, der Engel. Ich hatte mit ihm einige Schwierigkeiten, auch heute noch. Vielleicht hätte man den Kopf nicht frei schweben lassen sollen. Das fehlende Gesicht war damals so gewünscht; es gibt auch andere Darstellungen von Christus ohne Gesicht aus dieser Zeit. Ich finde ja, dass der Mensch ein Gegenüber benötigt und würde sagen, dass das Gesicht noch eine Aufgabe ist. Andererseits: Jesus hat gelebt, Menschen haben ein Gesicht, aber wie es bei Engel aussieht, weiß ich nicht.“

Der Teppich hat eine Gesamtgröße von 4,10 x 1,95 Metern. Zwölf Tore sind zu einem Turm übereingesetzt. Es sind einfache Rechtecke mit einen Rundbogen in der Füllung. Im oberen Bereich steht eine Figur, deren zwei Flügel das höchste Tor geringfügig überragt. Sie hat, der damaligen Mode nach, absichtlich kein Gesicht und ist an ihrer Gestalt als Engel zu erkennen. Um die Figur bzw. um den oberen Abschluss der Stadt ist mit wenigen Linien eine Gloriole oder Lichtkranz angedeutet. All diese Einzelheiten setzen sich ausschließlich aus braunen und weißen Fäden zusammen, so dass sich der Teppich von dem hellen hölzernen Untergrund der Altarvertäfelung kaum abhebt. Nicht Kontrast, sondern Integration in das Bestehende ist das vorherrschende Gestaltungsmerkmal.
Hartmann hat an dem Kunstwerk von März 1981 bis Januar 1982 gearbeitet, zusammen mit einer Gehilfin und einer Auszubildenden. Am Palmsonntag des Jahres 1983 wurde er seiner Bestimmung übergeben und feierlich eingeweiht.

Immanuel-Gemeinde Darmstadt-Reichelsheim (Hrsg.): 150 Jahre selbständige Evangelisch-Lutherische Kirchengemeinde, Darmstadt (2026).

 

tags: Wandteppich, 1970er, Hessen, SELK
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