Louis-René Petit (1934-2007): Glasmalerei aus Saint-Pierre-et-Saint-Paul in Montier-en-Der (1993)
Die originale Fensterausstattung der mittelalterlichen Abteikirche Saint-Pierre-et-Saint-Paul in Montier-en-Der (Champagne/Grand Est), gegründet einst vom Benediktinerorden, ging bei mehreren Bombenangriffen über das Jahr 1940 hinweg verloren. 1990 wurde begonnen, die Notverglasung der ersten Nachkriegsjahre wieder durch hochwertige Buntglasfenster auszutauschen. Das Thema war „der Baum“, aber nicht aus ökologischer, sondern christlich-biblischer Perspektive: Baum der Erkenntnis, Jessebaum, Garten Gethsemane u.a. Für die Umsetzung zeichnete sich der Glasmaler Louis Petit (1934-2007) aus Orléans verantwortlich.

Petit war von 1983 bis 1989 als bildender Künstler und Farbberater für architektonische Restaurierungsprojekte in Nanterre, Châteauroux, Issoudun, Chartres und Dreux tätig gewesen. Sakrale Ausstattung waren sein zweiter Schwerpunkt, auch in Deutschland (etwa für die ehemalige Stiftskirche in Rasdorf).
Im Jahr 1993 gestaltete er in Montier-en-Der ein Rundbogenfenster zum Thema „Der Lebensbaum im Neuen Jerusalem“.

Es befindet sich in Augenhöhe auf der unteren Ebene der hinteren Südfront. Zwischen die Tore, einfachste Rundbögen ohne Füllung und ohne angrenzendes Mauerwerk, ziehen sich schwarze Adern, die an den Lebensbaum wie an den Lebensfluss anlehnen. Dieses Geäst überzieht wie Adern das gesamte Fenster. Bei genauer Betrachtung kann man tatsächlich zwölf der offenen Tore erkennen, die zu einem Quadrat angeordnet sind, drei an jeder Seite.

Genau durch die Mitte des Himmlischen Jerusalem zieht sich ein blauer Farbbalken, der das ansonsten orange und braune Fenster in einen oberen und einen unteren Bereich teilt. Damit ist die Insel Patmos angedeutet, auf der sich die Vision der himmlischen Stadt ereignet haben soll. Der Künstler schrieb dazu: „Das Fenster lebt von der Spannung zwischen der gebauten Architektur und dem organisch Gewachsenen, das sich gegenseitig durchdringt, das Äußere nach innen kehrt und umgekehrt, auch oben und unten vertauscht. Die lineare Zeitachse ist überwunden, der neue Zustand ist eine Art hybrider Metaraum einer exponentiellen Metaphysik.“
Louis-René Petit war also auch ein Theoretiker der Kunst. Er definiert Glasmalerei als „eine leuchtende Emission, einen Schleier zwischen Außen und Innen; sie ist das, was dort installiert ist, zugleich öffnend und schließend. (…) Obwohl die Glasmalerei ein Bild bleibt – ob figurativ oder nicht –, ist sie zugleich Beleuchtung und Durchgang innerhalb der Wand.“ Das wird in Saint-Pierre-et-Saint-Paul insofern deutlich, da es sich um eine Zweisichtverglasung handelt, deren Motive und Farben auch von außen gut zu sehen sind.




