Ikone des Weltgerichts, ehem. Erlöserkathedrale in Kansk (um 1770)

Die Kirchenkunstabteilung des Regionalen Museums für Heimatgeschichte Krasnojarsk mit Sitz in Moskau zählt zu den größten Sammlungen sibirischer Kunst und wächst seit 1903 stetig. Sie entstand durch Schenkungen privater Sammler, staatlicher Beschlagnahmung, Spenden aus Kirchen- und Klosterdepots sowie durch Sammlungen von Museumsexpeditionen. Im Anschluss an diese Zugänge wurde 1911 die Abteilung „Kirchenarchäologie“ gegründet, in der sich auch Ikonen der letzten 500 Jahre befinden. Eine besonders ungewöhnliche Ikone stammt aus der Erlöserkathedrale von Kansk in Sibirien. Dort wurde sie um 1770 für die rechte Seite der Ikonostasis erworben. Man geht davon aus, dass dieses Werk kurz zuvor in Moskau entstanden ist und vom Patriarchen der Erlöserkathedrale zum Geschenk gemacht wurde. Die Ausführung zeigt deutliche Einflüsse des Rokoko, der Gesamteindruck ist hell und freundlich, keinesfalls zu vergleichen mit den dunklen Werken aus Palech, Nowgorod oder Susdal. Im Aufbau ist es ein „klassisches“ Weltgericht: oben in der Mitte Christus auf dem Thron, unten links das Paradies mit der Paradiespforte, in der Ecke unten rechts das Drachenmaul, schräg gegenüber in der Ecke oben links das Neue Jerusalem mit der Himmelspforte. In diesem Bereich dominieren weiße Wolken, an Rocaillen angelehnt. Diese öffnen sich an mehreren Stellen, so dass man doch einen Blick in die himmlische Welt erhält: Links, wo auch auf dieser Ikone Seelen wie in einem Fahrstuhl von Engel nach oben gebracht werden, erscheinen zwei Arkaden, eine für Frauen, eine für Männer. Es sind feine Malereien in zartem Rosa, versehen mit einer zurückhaltenden Ornamentierung. Ein etwas größerer Bogen erscheint weiter oben zwischen den Wolken, besetzt mit Christus (Kreuz) und Maria (mit Krone als Himmelskönigin). Christus als Weltenrichter erscheint nochmals weiter rechts, auf einem einfachen Thron, der das Arkadenmotiv subtil aufnimmt. Dazwischen sitzen Heilige an langen Tischen, um das ewige Abendmahl zu feiern – denn nach kirchlicher Lehre ist im Neuen Jerusalem von einer ständigen Präsenz des Göttlichen auszugehen, versinnbildlicht in diesem Mahl.

 

tags: Rokoko, Russland, Ikone, Weltgericht, Fahrstuhlikone
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