Juan Bautista Vázquez d. Ä. (1510-1588), Melchor Turín: Schnitzereien des Hauptretabels der Kirche Santa María in Medina-Sidonia (um 1575)
Es handelt sich bei dieser Darstellung der Maria Immaculata nach der Lauretanischen Litanei um einen Ausschnitt des großen Retabels von Santa María la Coronada der Stadt Medina-Sidonia in Andalusien. Das Kunstwerk aus vergoldeten und polychromen Schnitzereien gilt als eines der schönsten von ganz Andalusien. Allein mit seiner gewaltigen Größe von 15 Metern Höhe und einer Breite von fast sieben Metern ist es eigentlich kein Kunstwerk in einer Wandnische mehr, sondern selbst eine golden strahlende Wand. Eine ganze Reihe erstklassiger Künstler waren an der Entstehung beteiligt.
Die Arbeiten nach dem Vorbild des Hauptaltarbildes von Santa María in Cáceres (1547-1551) begannen unter Roque Balduques, der darüber 1559 verstarb. Anschließend ruhte der Baufortschritt für fast zwanzig Jahre. 1575 beauftragten der Verwalter von Santa María, Benefizial Buisa, und der Bischof von Cádiz, Don García Méndez de Haro, Juan Bautista Vázquez und seinen Kollegen Melchor Turín mit der Anfertigung „aller vollplastischen Figuren und Flachreliefs, die zur Füllung des Retabels benötigt werden“. Beide genannten Künstler waren Bildhauer, die in der Vázquez-Werkstatt ausgebildet worden waren. Weiter daran beteiligt war auch Miguel Valles, zuständig für die Vergoldung und Polychromie, womit dieses Kunstwerk 1584 schließlich vollendet war. Ausschlaggebend für die Wahl von Vázquez waren seine Beziehungen zum siebten Herzog von Medina Sidonia und eine ähnliche Arbeit des Künstlers in Carmona, die offensichtlich gut ankam.

Das Detail, welches hier interessiert, befindet sich am linken Seitenflügel in der untersten Reihe von insgesamt fünf Reihen oder Ebenen. Es handelt sich um eine traditionelle Darstellung der Tota Pulchra, wie sie in Spanien seit Pedro Diaz bekannt war. Im Zentrum befindet sich eine Marienfigur, die allerdings keines ihrer erkennbaren Merkmale aufweist, wie den Sternenmantel, die Krone, die Mondsichel oder den zertretenden Drachen – mit den Gesichtszügen könnte man bei der Figur durchaus an Johannes denken. Der Zusammenhang wird erst durch die Symbole im Hintergrund deutlich. Ganz oben neben der Sonne befindet sich eine einfache Himmelspforte, mittig links die Gottesstadt. Dort findet sich eine Pforte mit einem Renaissance-Sprenggiebel, mit dem auch die Himmelspforte geschmückt ist. Die Stadt schwebt auf einem kleinen Wolkenband, den fast alle übrigen Symbole besitzen, nicht jedoch die Himmelspforte – ob damit etwas angedeutet sein soll, vermag ich nicht zu sagen, möglicherweise wurde das Wolkenband übersehen. Durch die einheitliche Vergoldung treten die Symbole nicht besonders hervor, auch auf die erklärende Beschriftung hat Miguel Valles verzichtet – im erhöhten und abgegrenzten Altarbereich waren diese Details für die Masse der Besucher ohnehin nicht sichtbar.
Enrique Romero de Torres: Provincia de Cádiz, Madrid 1934.
Jesús Palomero Paramo: El retablo sevillano del Renacimiento. Análisis y evolución (1560-1629), Sevilla 1981.
Antonio Aguayo Cobo: Del jardín de las Hespérides al ‚Hortus conclusus‘. Interpretación iconológica de la portada del claustro de Santa María Coronada en Medina Sidonia, in: Imagen y cultura, 1, 2008, S. 111-128.
Jesús Porres Benavides: El Retablo de Santa María de Medina-Sidonia, in: Actas de los VIII Encuentros de Primavera en El Puerto La conservación de retablos: Conservación, difusión y catalogación, Puerto de Santa maría, Cádiz 2007, S. 325-340.


