Reimund Franke, Gerd Schreuer: Kryptafenster von St. Elisabeth in Reuschenberg (1985)

St. Elisabeth ist eine römisch-katholische Kirche in Reuschenberg, einem Ortsteil der Stadt Neuss. Licht kommt in die Kirche durch zahlreiche Fenster mit geometrischer Musterung, die in den 1950er Jahren Johannes Beeck und dann nochmals in den 1960er Jahren ein unbekannter Glashandwerker gestaltet hat. Nichts deutet darauf hin, dass diese Kirche nicht doch hochwertigere Buntglasarbeiten aufzuweisen hat. Dazu muss man in die Unterkirche absteigen, die als Gemeinschaftsraum und Krypta genutzt wird – heute würde allein dieser intime Raum für die Zwecke der Kirche vollständig genügen. Die Unterkirche hatte bei ihrer Verglasung zunächst ebenfalls eine unauffällige Musterung, die durch blaue Glasscheiben in unterschiedlichen Tönen hervorgerufen wurde. 1972 begann man, nach und nach zu besonderen Anlässen, wie runden Geburtstagen oder Priesterjubiläen, Buntglasfenster einsetzen zu lassen. Diese zeigen ganz unterschiedliche Themen, da sie vom Jubilar mitbestimmt wurden – dennoch wurde darauf verzichtet, Namen oder Ereignisse auf den Fenstern festzuhalten, so dass man heute, eine Generation später, den Anlass bereits nicht mehr kennt. Die für eine Kirche ungewöhnliche Tradition wurde über zehn Jahre aufrecht erhalten und brach mit diesem Fenster zum Himmlischen Jerusalem ab.

Bei diesem zeigt sich das Lamm Gottes mit einer Siegesfahne über fünf Türmen einer Stadt. Jeder der Türme hat unten eine Pforte; zwischen ihnen ist jeweils ein Stück Stadtmauer gesetzt. Die Stadt schwebt frei im blauen Raum, aber ein Weg zum etwas größeren Haupttor ist angedeutet. Links wie rechts setzen Farbbänder in Pastelltönen an. Einigen der Bänder ist unten eine winzige Schale aufgemalt – sechs links, drei rechts. Weder Korrespondenz noch Diskussion vor Ort konnte klären, was es mit diesen Schalen auf sich hat. Ein Lösungsvorschlag war Klangschalen, denn im gesamten Bereich unter der Stadt geht es um (Kirchen)Musik. Man sieht zahlreiche Personen, die singen, dazwischen immer wieder Noten. Eine weitere Person oben rechts spielt Orgel – es ist die einzige Figur mit einem Heiligenschein. Unten steht geschrieben „Lobet und preiset Ihr Völker den Herrn“, ein beliebter geistlicher Kanon für drei Stimmen. Nicht zufällig befindet sich dieses Musik-Fenster direkt unter dem Klavier.

Für die ungewöhnliche Arbeit war der Glasmaler Reimund Franke aus Meersburg verantwortlich. Dieser ist der Sohn von Karl Franke, eines bekannten Sakralkünstlers, von dem sich mehrere Werke zum Thema Neues Jerusalem erhalten haben. Von Franke junior existieren heute noch Kirchenfenster in Aachen, Bonn, Datteln und Kerpen. In Reuschenberg befindet sich mit einer Datierung von 1972 das älteste Kirchenfenster des Künstlers. Sein Jerusalem-Fenster ist das letzte dieses Zyklus. Ausgeführt wurde es 1985 von der Glaserei Gerd Schreuer in Neuss.

Thomas Schmidt: 337 – Lobet und preiset, ihr Völker, den Herrn, in: Martin Evang, Ilsabe Alpermann (Hrsg.): Liederkunde zum Evangelischen Gesangbuch, Göttingen 2018, S. 58-60.
Katholische Kirchengemeinde St. Elisabeth in Neuss am Rhein (Hrsg.): Kleiner Führer durch die Kirche St. Elisabeth in Neuss-Reuschenberg, Neuss 2005.

 

tags: Jubiläum, Musik, Cäcilia, Noten, NRW, Ruhrgebiet
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