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Ludwig Gies (1887-1966): Chorfenster des Münsters zu Essen (1959)

Glücklicherweise steht das Münster zu Essen noch, seine Kunstwerke sind noch nicht nach Osteuropa abgegeben worden, seine Glasfenster können noch erlebt werden und eine wissenschaftliche Einordnung am Originalstandort ist noch möglich. Das ist keine Selbstverständlichkeit, denn das Bistum Essen ist weltweit führend in der Vernichtung der eigenen Gotteshäuser. Bereits 97 Kirchen hat das Bistum erfolgreich profaniert, verkauft und dem Abriss preisgegeben (Stand März 2023). Bald kann das Bistum sein Jubiläum der einhundertsten Kirchenbeseitigung feiern, vielleicht mit einem Gottesdienst im Dom. Es ist nur noch eine Frage der Zeit, bis das Bistum Essen dann selbst abgeschafft werden wird, denn ein Bistum ohne Kirchen und ohne Mitglieder wird sich auf Dauer nicht halten können. Die Kirchen im Bistum Essen wurden nun nicht etwa über Generationen hinweg abgestoßen, sondern alle in im 21. Jahrhundert in einem Zeitraum von wenigen Jahren. Dass es auch anders geht, belegen andere Bistümer in Deutschland, etwa Eichstätt: Hier wurde im Vergleichszeitraum lediglich eine Kirche geschlossen, und zwar wegen Bauschäden (Schwabach 2015).
Warum steht also der Dom zu Essen noch? Dies hat sicher nicht zuletzt mit hochwertigen Glasarbeiten zu tun, die vor wenigen Jahren noch sorgfältig restauriert wurden. Wie fast immer bei Domkirchen legte man beim Wiederaufbau Wert darauf, dass möglichst einer der besten Glaskünstler der Region den Auftrag bekam. Auch wurde, da hier Fachpersonal und Wissen zur Verfügung stand, die motivische Auswahl intensiver diskutiert und besprochen als anderswo. Für die Domkirche fiel Mitte der 1950er Jahre nach einem längeren Findungsprozess die Wahl auf Ludwig Gies. Ludwig Gies (1887-1966) war und ist vor allem bekannt, da er den Bundesadler im Bonner Bundestag (1953) gestaltet hat. Sein Schaffen als Bildhauer, Medailleur, Glasmaler und auch Hochschullehrer geht aber weit darüber hinaus. Mit der Stadt Essen war er verbunden, da sich hier eine seiner frühesten Arbeiten überhaupt befindet: zwei Travertinreliefs im Hof des Museum Folkwang aus dem Jahr 1928. Es dauerte aber bis 1959, bis der Künstler wieder in Essen tätig werden sollte. Diesmal schuf er in einem längeren Prozess mehrere Glasfenster für die römisch-katholische Münsterkirche in der Innenstadt.
Diese Kirche ist für einen Dom ungewöhnlich niedrig und die Fensteröffnungen klein, so dass es notwendig war, Flächen des Werkes in weiß oder anderen hellen Farben (gelb) auszuführen, um möglichst viel Licht in den Raum zu lassen, der auch heute noch, selbst bei Sonnenschein, in einem Dämmerzustand verharrt. Der Chorbereich war mit einer besonderen Herausforderung zu gestalten: Hier befand sich eine Kreuzsäule aus dem 15. Jahrhundert (auf dem Foto gut zu erkennen durch das goldene Kreuz, eine Zutat der Künstlerin Lioba Munz). Die Säule erinnert laut lateinischer Aufschrift an eine Äbtissin Ida, wo bei nicht gesichert ist, um welche Person genau es sich handelt. Gies löste die Aufgabe, indem er seine Motive um diese Säule herum setzte, so dass aus dem Kirchenschiff heraus nichts Wesentliches verdeckt ist. Das Fenster firmiert in der Wissenschaft als „Das Neue Jerusalem“ und wurde bei meinem Besuch von einem Pfarrer der Kirche so auch tituliert. Es ist aber, im Gegensatz zu den Malereien in den Medaillons der flankierenden Seitenfenster, keine typische Darstellung der Stadt mit Häusern, Toren und Türmen, sondern Gies zeigt hier andere Figürlichkeiten. Zunächst muss noch erklärt werden, dass das Fenster durch spätmittelalterliches Maßwerk im frühen Flamboyant in einen oberen und einen unteren Teil geordnet ist. Der obere, kleinere Teil zeigt das Lamm Gottes. Gies präsentiert es aber nicht, wie fast immer zu dieser Zeit, auf einem goldenem Thron, sondern auf erdigem Boden. Über ihm ist eine Hand und wiederum darüber ist ein gelber Kreis gesetzt: Es handelt sich um die Hand Gottes und um die Sonne, beides Motive, die bereits seit dem Mittelalter im Zusammenhang mit dem Neuen Jerusalem zur Darstellung kamen. In vier ovale Bildfenster sind Strahlen gesetzt, ich interpretiere sie als die eigentlichen Lichtquellen der Stadt. Selbstverständlich wusste Gies, dass nicht die apokalyptische Sonne die Stadt beleuchtet, daher hat er bei der Sonne die Strahlen weggelassen.
Im unteren Bereich zeigt Gies vier der apokalyptischen Wesen, zwei zu jeder Seite der Säule. Gemeinhin werden sie mit den vier Evangelien in Verbindung gebracht. Gies verzichtet hier auf Farbsymphonien, sondern es zeigt sich in dem differenzierten Grau nochmals die Bescheidenheit der Nachkriegsjahre. Bezüge zum Bundesadler, vor allem in der Farbgebung aber auch den gedrungenen, schwungvollen Bögen sind unverkennbar. Darunter sind figürliche Szenen gesetzt, vor allem die Auferstehung aus den Gräbern zum Jüngsten Gericht.
Das Chorfenster aus farbigem Antikglas, Blei und Schwarzlot wurde 1959 fertiggestellt und mit einer Messe noch im gleichen Jahr feierlich eingeweiht. Bis heute ist es eines der bedeutendsten Kunstwerke der Essener Münsterkirche, das Freunde der Glasmalkunst eigens zur Besichtigung anreisen lässt.

Toni Feldkirchen: Ludwig Gies, Recklinghausen 1960.
Leonhard Küppers: Das Essener Münster, Essen 1963.
Clemens Kosch, Andreas Lechtape: Die romanischen Kirchen von Essen und Werden. Architektur und Liturgie im Hochmittelalter, Regensburg 2010.

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tags: Adler, Dom, Nachkriegskunst, Chorfenster, Säule, NRW, Ruhrgebiet, Sonne,, Abriss, Profanierung
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