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Fritz Baumgartner (1929-2006): Fensterbänder und Raumkonzeption in St. Josef in Puchheim (1966)

Im Jahr 1966 schuf der Maler und Grafiker Fritz Baumgartner (1929-2006) für die römisch-katholische Kirche St. Josef in Puchheim bei München ein modernes, abstraktes Himmlisches Jerusalem als eine Art religiösen Erlebnisraum. So führt der offizielle Kirchenführer der Gemeinde weiter aus: „Der Bau der Kirche St. Josef ist grundlegend von der letzten Schrift des Neuen Testaments, der Offenbarung des Johannes, inspiriert, insbesondere vom 21. Kapitel, das die Schrift und damit das ganze Neue Testament inhaltlich beschließt“. Das will begründet sein: Abgebildet sind auf mehreren Glasfensterbändern die Baustoffe der göttlichen Stadt: Perlen und Edelsteine. Möglicherweise sind die Perlen die weißen Kreise, die an manchen Stellen zu längeren Ketten verbunden sind und teilweise das Lichtband umlaufen. Es gibt aber auch einzelne, größere Kreise in den hellgrauen Rechtecken. Insgesamt gibt es zwölf solche Fenster, die 1,25 Meter hoch sind und eine Gesamtlänge von etwa 50 Metern haben. Die Grundfarbe ist tatsächlich Schwarz-Rot-Gold, so dass der erste Eindruck nicht als das Himmlische Jerusalem, sondern eine Hommage an Deutschland erscheinen mag. Der Künstler sprach in einer erhaltenen Erklärung zu dem Fenster davon, dass das Rot ein „Sinnbild der Freude“ wäre und der Goldton die „Grundsteine aus lauterem Gold (…) wörtlich genommen und als schimmernd goldene Flächenstücke in den gläsernen Farbzusammenhang eingefügt (hat)“. Es handelt sich dabei um vergoldete Bronzeplatten zu 22,5 Karat. Weiter führte Baumgartner aus, dass hier auch die Stadtmauer aus Edelsteinen eine Rolle spielt. So hat er an verschiedenen Stellen andere Farbsteine eingesetzt, in blau, grün oder gelb. Es ist aber nicht so, dass man genau zwölf solcher Farbsteine finden kann, sondern ihr Zahl ist größer. Auch die oben erwähnten Perlen übersteigen die Zahl zwölf bei Weitem; es sind fast zwanzig Kreise, einige davon übrigens auch transparent.
Das gewaltige Glasfenster (oben lediglich ein Ausschnitt, der einen Eindruck des hohen Abstraktionsgrades vermittelt) hat eine Fläche von etwa einhundertfünfzig Quadratmeter und zieht sich als Fensterband oder Lichtband an vier Seiten um den sakralen Innenraum. Derartige Kunstwerke, die formal an elektronische Schaltkreise erinnern, waren in den 1960er Jahren beliebt und das Neueste, was der Kunstmarkt bieten konnte. Eine derart moderne Ausgestaltung war nur möglich, da man bei dem Neubau mehr Freiheiten hatte, als bei Rekonstruktionen oder im Wiederaufbau. Bis heute dominiert das Schmuckband den ansonsten schlichten Innenraum und taucht die weißgrauen Wände je nach Lichteinfall in eine transzendent anmutende Farbtönung. Dieser Innenraum selbst ist ungewöhnlich hoch und nähert sich in seiner Quadratform einem Kubus an.

In Puchheim wurden die Fenster samt Fassung durch die Werkstätte Gustav van Treeck in München produziert. Fritz Baumgartner hat übrigens viele Jahre später, 2012, nochmals das Neue Jerusalem in Glas darstellen wollen. Er reichte 2002 einen Entwurf beim Kirchenbauverein der Regensburger Neupfarrkirche e.V. ein, der jedoch nicht verwirklicht wurde.

Kath. Pfarrkirche St. Josef Puchheim, Puchheim 1997.
Claus Bernet: Kirchenfenster und Glasarbeiten, Norderstedt 2013 (Meisterwerke des Himmlischen Jerusalem, 6).
Pfarrkirche St. Josef Puchheim, Puchheim 2016.
50 Jahre St. Josef in Puchheim: Festschrift, Puchheim 2016.

 

tags: München, Oberbayern, Glasband, Raumerlebnis, Erlebnisraum, Schwarz, rot gold, Edelsteine, Bronzeplatte, Schaltkreis, Kubus, Lichtband
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