Weltgerichtsikone aus Galich (1750-1800)

Diese Ikone stammt aus der russischen Kleinstadt Galich (auch Galitsch) aus der Oblast Kostroma. Das Kunstwerk aus der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts ist vor allem deswegen ungewöhnlich und herausragend, da es in großen Teilen aus Holzapplikationen besteht. Der Hintergrund wurde nachträglich teilweise in einem kräftigem Rot koloriert und die meisten Schnitzereien vergoldet. Hinzu kommt am Rand ein weißes Band, auf dem zahlreiche Ausführungen und Bibelverse die Ikone dem Lesekundigen erklären.
Es ist also eine Art Collage oder bereits ein Schnitzaltar, von denen sich in der Ostkirche nur sehr wenige erhalten haben. Eine der Applikationen auf der Ikone oben links markiert das Himmlische Jerusalem: auf einem Wolkenband sind vier goldene Tore zu sehen, mit einer roten Füllung. In der Mitte befindet sich das goldene Haupttor. Leider ist hier der untere Teil mit dem Wolkenfries teilweise abgebrochen. Zwischen einigen braunen Kugeln sieht man eine Bruchstelle mit einer Verankerung. Hier befand sich vermutlich einst ein Engel, der den Zugang bewachen sollte. Unten links verweist ein noch vorhandener Engel weitere Heilige zu dem Haupttor.
Darüber sind Paare von Heiligen in voneinander abgeteilten annähernd quadratischen Segmenten gesetzt: die Wohnungen des Himmlischen Jerusalems, bekrönt von einer goldenen Rocaille. In den Segmenten befinden sich jeweils zwei Heilige, überaus gekonnt geschnitzt mit individueller Physiognomie und Bekleidung.

Natal’ja I. Komaško: Kostromskaja ikona XIII – XIX vekov, Moskva 2004.
Claus Bernet: Ikonen des Weltgerichts, Norderstedt 2015 (Meisterwerke des Himmlischen Jerusalem, 37).

 

tags: Weltgericht, Kostroma, Russland, Holz, Collage, Schnitzerei, Wolkenband, Beschädigung, Engel, Rocaille, Barock
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